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Jüdische Korrespondenz · 1919-01-02 · 1 (2.1.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
1 (2.1.1919)
Date
1919-01-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 1 die glaubenstreue Judenschaft unter einem „Mirkas ruchni* versteht, ist himmelweit verschieden von dem, waS unsere Nationalisten unter diesen! Titel anstreben. Diese wollen im Heiligen Lande moderne Schulen, Gymnasien, Universitäten, kulturelle Institutionen usw. errichten. Die Orthodoxie muß darnach streben, in Erez-Jisroel eine neue Pflegestätte für die Thora hakedauscha zu schaffen, ein religiöses Zentrum im Sinne des „Ki mi-Zion teizei Thora!*. Es ist eine bekannte Tatsache, daß cs in jeder Periode unserer Geschichte ein Zentrum der Thora gegeben hat, in welchem sich die Lehre und das Wissen konzentrierte; nach der Vernichtung unserer Staatlichkeit zunächst in Babylonien, nachher in Gallien, Spanien und Deutschland, später bis in die letzten Zeiten in Polen und anderen Ländern des Ostens. In der jüngsten Periode unserer Geschichte ist im Osten infolge der Verfolgungen und Drangsalierungen ein Niedergang der Thora zu beobachten, und die Aussichten für die Zukunft sind gar trübe. Wenn es sich nun darum, handelt, in Erez-Jisroel ein neues jüdisches Zentrum zu errichten, so muß dorthin auch der Schwerpunkt des religiösen Lebens verlegt werden. Dort sollten große Jcschiwoth errichtet werden, eineKenessijagedaula, ein neues Jabne geschaffen werde», eine Zentralstelle für jüdische Gelehrsamkeit in dem reinen und unverfälschten Sinne dieses Wortes. Es sollte eine große Bibliothek zusammengebracht werden, die gesamte rabbinische Literatur umfassend. Ein Gelehrtenkollegium soll dazu berufen sein, eine Enzyklopädie der gesamten talmudischen und rabbinischen Literatur zu schaffen: ein Handbuch für jeden Berufsgelehrten, ein Behelf zur Popularisierung und Verbreitung des Thorastudiums. Es sollte ein großes Verlagsunternehmen gegründet werden, um von dem alten Schrifttum, angefangen vom Talmud, den Gaonim und den späteren Gcistesheroen, neue Editionen, sorgfälttg korrigiert und kommenttert, zu veranstalten sowie auch neue Werke zeitgenössischer Gelehrten herauszugeben, die sonst gezwungen sind, sich selbst mit dem Verlag und Vertrieb zu befassen, was weder dem Kowaud hathora entspricht, noch zur Bereicherung der rabbinischen Literatur beiträgt, da gar manche Geistesschätze dadurch der Oeffentlichkeit vorenthalten bleiben. All das und vieles Aehnliche,. das bei einer anderen Gelegenheit ausführlicherZaufgezählt werden soll, gehört in den Rahmen der geistigen Arbeit, die die glaubenstreue Judenheit für und in Erez- Jisroel zu leisten hätte. Diesbezüglich kann naturgemäß von einem Zusammenarbeiten mit anderen Gruppen keine Rede sein. Sollte die Orthodoxie diesen Aufgaben gerecht werden, so würde sie schon damit ihre spezielle Erez-Jisroel-Aktion rechtfertigen. Es ist klar, daß die Durchführung dieses Programmes nur gleichzeitig mit einer starken Ansiedelung glaubenstreuer Juden im Heiligen Lande möglich wäre. Deswegen auch muß die Orthodoxie bis auf weiteres getrennt marschieren, mag sie auch in wirtschaftlicher Hinsicht mit den anderen Gruppen einem gemeinsamen Ziele zustreben. I eh ud i - Ch o r ed. Glossen von der Woche. Die christlichsoziale Partei veröffentlichte dieser Tage ihr Wahlprogramm. Dasselbe trieft von Freiheit und Demokratie; die Partei stellt sich bedingungslos auf den Standpunkt der Republik — aber vom Antisemitismus kann und will sie dennoch nicht ablaffen. Das Programm enthält auch folgenden „Judenpunkt": „Die auch im' neuen Staate hervortretende Korruption und Herrschsucht jüdischer Kreise zwingt die christlichsoziale Partei, das deutschösterreichische Volk zum schärfsten .Abwehrkampf gegen die jüdische Gefahr aufzurufen. Als eigene Nation anerkannt, solbm die Juden ihre Selbstbestimmung haben; die Herren des deutschen Volkes aber dürfen sie nicht sein." Wenn unsere Nationalisten darin einen Fortschritt sehen wollen, so mag ihnen die Freude gegönnt sein. Wer die Dinge aber ohne Parteibrille bettachtet, muß natürlich zu einer anderen Schlußfolgerung kommen. Das neue Jahr bringt uns ein neues Spätabcndblatt, „Wiener Stimmen*, das „Spätabendblatt der Nichtjuden", wie es in den Reklameplakaten heißt. Es handelt sich scheinbar um einen Ableger der „Reichspost*, ebenso wie das andere Wiener Anttsemitenblatt, das „Deutsche Volksblatt", spät abends den „Telegraf" erscheinen läßt. Die bisherigen Spätabendblätter sollen demnach angeblich Judenblätter sein — da sie aber scheinbar gute Geschäfte machen, so wollen die Herren Antisemiten ihnen uachtun — allzu sauber ist diese Konkurrenz wohl nicht — aber im Lager Antijudas hat man nie auf Sauberkeit geachtet. In Wien nehmen in letzter Zeit die Taufen in erschreckender Weise zu. In den letzten drei Wochen sind nicht weniger als 140 Austtitte aus dem Judentum verzeichnet worden. In zionistischen Kreisen macht man hiefür die Assimilatton verantwortlich, in den assimilatorischen Kreisen schiebt man die Schuld den Zionisten zu — ihre Forderung, die Juden als besondere Nationalität anzuerkennen, soll diese Maffenflucht aus dem jüdischen Lager verursacht haben. Es ist charatteristisch, daß zwei jüdische Gruppen, die sonst mit der Religion wenig zu tun haben, sich gegenseitig beschuldigen, den religiösen Verfall verursacht zu haben. Die Herren Sokolow, Weizman und Lord Rothschild haben Glückwunschtelegramme an die zionistische Organisation im. tschecho-slowakischen Staate gesandt und deren Mitglieder aufgefordert, den Zionisten anderer Länder in dem entscheidenden Augenblick, den das jüdische Volk jetzt durchmacht, beizustehen. Im tschecho-slowakischen Staate sind die Pogrome auf der Tagesordnung. In den Städten, welche die Tschechoslowaken besetzen, werden jüdische Geiseln ° ausgehoben — die dortigen Zionisten ertveisen sich aber trotz aller Ruhmredcrei als ohnmächtig, etwas auszurichten. Da erhalten sie noch die Aufforderung, dem jüdischen Volke der anderen Länder beizustehen. Es scheint, daß das Gegenteil eher angebracht wäre. Hamabit. Die wiener Orthodoxie für „Iischub- Lrez-Iifroel". lieber Einladung des Vorstandes der „Adaß- Jisroel" (Schiffschul) fand Dienstag, den 24. Dezember 1918, um 5 Uhr abends, im Mensasaale der „Einheit", Malzgasse, eine große orthodoxe Versammlung statt, zwecks Einleitung einer großzügigen Aktion für die Besiedlung Palästinas durch glaubenstteue Juden. Der Versammlung wohnte, ein zahlreiches Publikum aus allen Kreisen der Wiener Orthodoxie bei, darunter die orthodoxen Vereinsrabbiner Wiens, Herr Landesschulrat Kultusvorsteher Dr. M. Spitzer, Schriftsteller Dr. Nathan Birnbaum, Obmann des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums, Herr Bernhard Hofbauer, Vertteter des „Sinai"-Vereines in Prag, Herr Markus Ungar, Herr Dr. M. W. Rappoport-Zürich, Herr Samuel Kohn-Lodz, die Redakteure Dr. Bloch, Max Hickl, Jakob Krausz und Jonas Kreppel usw. usw. Die Versammlung wurde mit einer schwungvollen Ansprache Seiner Ehrwürden Herrn Schiffschulrabbiners S. Fürst eröffnet. In begeisterten und begeisternden Worten schilderte Se. Ehrwürden die große Bedeutung des heiligen Landes für Judey und Judentum. Jischub-Erez-Jisroel steht heute auf der Tagesordnung der ganzen jüdischen Volksgemeinschaft. Es hat aber nie eine Zeit gegeben, wo der Jischub des heiligen Laudes von der Tagesordnung des jüdischen Volkes verschwunden war. Vom Tempelberge zu Jerusalem aus pflegten zu Beginn eines jeden Monats Feuergarbcn aufzuflammen, die den Juden in der Diaspora vom Kidusch- Hachaudesch Kunde gaben; von Berg zu Berg bis in die weitesten Fernen waren diese Feuerzeichen ein Wegweiser für Israel im Goluth. Die Liebe und Anhänglichkeit zum Lande ihrer Hoffnung verstärkte das Band, das sie vereinigte, verlieh ihnen $raft und Ausdauer in den finsteren Zeiten und Perioden, die sie durchleben mußten. An Errz- Jisroel dachte der Jude bei jeder Gelegenheit, für die Juden, die dorthin wanderten, uni ihr Leben in Thora und Awauda zu verbringen, stoffen reichlich die Spenden, die „Nedarim u-Nedawaus". So entstand der erste Jischub im heiligen Lande, ohne welchen es vielleicht zum neuen nicht gekommen wäre. Die glaubenstreue Judenheit, die somit die ersten Fundamente zum Jischub-Erez- Jisroel gelegt hatte, verhielt sich in letzter Zeit, als der Jischubgedanke weite Kreise erfaßte, zunächst reserviert, weil sie. das heilige Ideal nicht mit Politik verknüpfen und gefährden wollte. Jetzt erst ist die richüge Zeit gekommen, die Sache in großem Maßstabe in die' Hand zu nehmen. Die alten Gseiraus sind wieder erwacht, die alten Judenverfolgungen zu neuem Leben erstanden — so wurde denn auch der alte Gedanke an Jischub- Erez-Jisroel, den schon der Schiffschulrabbiner S. Spitzer (secher Zadik liwrocho!) nach den ersten. Judenpogromen in Rußland propagierte, wieder ausgenommen. Dem alten Jischub soll ein neuer angegliedert werden — aber ebenso wie der alte soll auch der neue Jischub „al taharas hakaudesch*, im Sinne und im Geiste unserer heiligen Thora eingelcitet und gestihrt werden. Es soll für die Juden im heiligen Lande eine Heimstätte im Geiste der Thora errichtet werden, die dortselbst nicht als Flüchtling geduldet, sondern die ihr gebührende Stellung einnehmen soll. Um diese Aktion in die Wege zu leiten, haben wir uns heute versammelt, deschern Ilaschem wollen wir die Arbeit aufnehmen. (Stürmischer Beifall.) Hierauf ergriff der Vorsitzende, Herr Dyktor Reiniger, das Wort, dankte für das zahlreiche Erscheinen, welches das Interesse dokumentiert, das die Versammelten der erhabenen Idee entgegenbringen, und das als Bürgschaft des Erfolges zu bewerten ist. Die innige- Begeisterung für Erez hakedauscho war stets wach in den Herzen der glaubenstreueu Juden, ebenso wie die Liebe zur Thora hakedauscho. Wir wollen im heiligen Lande eine Heimstätte für die Vcrttiebenen und Verfolgten errichten und schaffen. Die Verdienste der Zionisten, die diesen allerdings seitens der glaubenstteuen Inden seit jeher gehegten und gepflegten Gedanken propagierten und popularisierten, sollen voll und ganz anerkannt werden. Aber die Zionisten haben sich vornehmlich der sozialen und wirtschaftlichen Seite der Angelegenheit zngewendct, das religiöse Moment war ganz ausgeschaltet. Für uns aber ist Palästina ein heiliges Land. Nach dieser Richtung müssen sich unsere Wege trennen. Wir wollen oort nicht bloß einen Jischub von Juden, sondern einen jüdischen Jischub im wahren Sinne des Wortes aufrichten. Wir wollen das heilige Land nicht als Geschenk eines Siegers nach einen blutigen Kriege erhalten, sondern im Sinne des Prophetenwortes: „lau becbail,' welau bekauach, ki im boruchi*, nicht' mit militärischer' Macht, nicht mit physischer Kraft, sondern mit meinem Geiste, sprach der Herr der Heerscharen, im Geiste der heiligen Thora. (Lebhafte Zustimmung.) Herr Wolf Pappen he im erstattete hierauf ein eingehendes Referat, in welchem er die Bedeutung und die Ziele der Aktion ausführlich und allseitig beleuchtete. Für die Orthodoxie ist der Gedanke des Jischub keineswegs neu, und zwar nicht bloß des alten, sondern auch des neuen. War es doch der berühmte Rabbiner Zwi Hirsch Kali sch er (sichraunau liwrocho), her zuerst die Anregung hierzu gab, dem sich andere rabbinische Kapazitäten angeschlossen haben, viel früher, bevor man etwas von dem modernen Zionismus wußte. Es ist auch eine bekannte Taffache, daß es Rabbiner S. Spitzer sichraunau lhvrocho mar, der zu Beginn der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, nach den großen Judenverfolgungen in Rußland, die Anregung zur Gründung eines Kolonisattonsvereines gab, woher er auch nichtorthodoxe Kreise heranzog, da es sich gleichzeittg um eine charitative und soziale Angelegenheit handelt. Auch jetzt, da die Orthodoxie die Aktion unternimmt, wird sie die Mitwirkung aller jüdischen Kreise anrufen. Wenn die Sache damals keine großen Fortschritte machen konnte, so war dies dem Umstande zuzuschreiben, daß man damals für die großen jüdischen Massen, die Rußland Knall und Fall verlassen mußten, eine dringende und unaufschiebbare Hilfe nötig hatte, eine Kolonisation Palästinas im großen Maßstabe aber aus polittschen und finanziellen Gründen unmöglich war. Erst dem Baron Rothschild, der hiefür unzählige Millionen zur Verfügung stellte, konnte es nach , mehreren Jahren und nach vielfachen Experimenten I gelingen, die Grundlage für den Jischub zu schaffen.

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