Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bezugspreis: GanzjährigK12,halbjährigK6, viertel- :■! jährig K 3. Ausland jährlich K 20. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt fik Redakteur]^ sehe Interessen. Üts Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, Vm. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 1. Wien, 2. Jänner 1919. V. Jahrgang. An die P. T. Leser! Mit der heutigen.Nummer beginnt der fünfte Jahrgang unseres Blattes. Die KriegsverhäWffe, der unregelmäßige Postverkehr, die Schwierigsten, eine regelrechte Verbindung mit dem Auslande'zu unterhalten, machten es uns unmöglich, den Nachrichtendienst unseres Blattes so auszugestalten, wie es ursprünglich unsere Absicht war. Nunmchr, da die größten Schwierigkeiten behoben sind, können wir darangehen, die Ausgestaltung des informativen Nachrichtendienstes in die Wege zu leiten. Es ist uns bereits gelungen, für unser Blatt inallen jüdischen Zentren des Ostens und Westens, mit welchen zurzeit der Briefverkehr möglich ist, stabile Berichterstatter zu erwerben, die regelmäßig - über alles, was im Lager unserer dorttgen Brüder vorgeht, erschöpfend berichten werden. Zunächst kommen Krakau, Lemberg, Warschau, Budapest, Prag, Zürich, Haag, Stockholm und Kopenhagen in Bettacht. Wir werden uns bestreben, sobald als möglich auch mit Rußland, der Ukraine, Rumänien, Palästina und Nordamerika in direkte Verbindung zu tteten. ° So wird die „Jüdische Korrespondenz", ihrem Namen voll und ganz gerecht werdend, ein Jnformationsorgan in des Wortes vollster Bedeutung sein, das, durch keinerlei Parteirücksichten beengt, über alles, was Juden und Judentum betrifft, streng objekiv und sachlich die Leser informieren wird.. : Unberührt bleibt hiebei selbstverständlich, die eigentliche Tendenz unseres^ .Blattes,-; dem UNver- 'fälschtemJudentuÄe,"der^glaabenStttWn'Jlldrlifchllftt als Sprachrohr zu dienen. Von der geistigen und materiellen Förderung seitens aller Gutgesinnten, um die wir hiemtt ersuchen, wird die äußere und innere Ausgestaltung unseres Blattes abhängig sein. Wir wollen hoffen, daß uns diese Förderung im wünschenswerten Ausmaße zuteil, werden wird. Dringend ersuche« wir alle diejenigen, deren'Aöonnernent mit Jahresende avgetaufen ist, .dassetöe umgehend z» erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Zlntervrechnng^eintritt. Zlusere geehrten Abonnenten in denjenigen HeVieten, mit welchen zurzeit der Heldpostverkehr unterbrochen ist, belieben die Brännmeration in rekommandierten Briefen einznsende« oder durch eine Bank z« überweise«. Zie Bedaktio» und Administration. Das jüdische Votum. (Von besonderer Seite.) Die Wahlordnung für die deutschösterreichische Nationalversammlung ist. bereits publiziert worden und hat Gesetzeskraft erlangt. Die Wahlkampagne hat bereits begonnen und dürste in der nächsten Zeit recht lebhaft werden. Die Wahlen selbst sind für den 16. Februar geplant,.so daß kaum sechs Wochen für die Wahlagitation zur Verfügung stehen. Die Parteien haben bereits ihre Wahlprogramme veröffentlicht,' und ihr Aufmarsch ist schon in vollstem Zuge. Der Wahlaktton kommt diesmal eine erhöhte Bedeutung zu angesichts des Umstandes, daß es sich um die Wahl einer konstituierenden Nattonalversammlung handelt, welche nicht nur über die definitive Staatsform, sondern auch über die polittsche und wirtschaftliche Zukunft des Staates die Entscheidung 'zu tteffen berufm sein wird. Im alten Oesterreich hat, so oft es sich um die Wahlen zum Reichsrate handelte, das jüdische Votum stets eine wichttge Rolle gespielt. Im Osten, in Galizien und der Bukowina, bildete die jüdtsche Wählerschaft in vielen Wahlkreisen die Majorität, in anderen Kreisen eine bedeutende Minorität, in fast sämtlichen städttschen Wahlkreisen aber zumindest das Zünglein an der Wage. Aber auch in einigen böhmischen, mährischen und schlesischen Wahlkreisen kam dem jüdischen Votum eine große Bedeutung zu. In Wien verfügtendie Juden über zwei sichere Wahlkreise und auch in einigen anderen spielten sie eine große Rolle. Jetzt ist. es anders geworden. Mit Ausnahme von Wien fallen die jüdischen Stimmen überall nur wenig ins Gewicht. Aber auch in Wien bringt es die Schaffung großem Wahlkreise, die einige Bezirke umfassen, mit sich, daß. der Einfluß des jüdischen Votums ein sehr minimaler sein muß. Die Vereinigung der Leopolostadt mit der Brigittenau und Floridsdorf, der Inneren Stadt mit der Landstraße und der'Wieden wird die jüdische Wählerschaft kaum stark zur Geltung kommen lassen, dies um so weniger, als ein wesentlicher Teil derselben, der in Gallien, in der Bukowina, Böhmen, Mähren und Schlesien heimatberechttgt ist, vom Wahlrecht ausgeschlossen bleibt. Trotz des Proporz dürste also dre Durchführung eigener jüdischer Kandidaten kaum möglich fein, im chesten Falle wäre 1 Kandidat, durch- Die Mischen Wähler eine eigene Kurie zu, schaffen, kann diesmal keine Erfüllung erwarten, obwohl die Christlichsozialen hiefür mit großer Energie ein- Es wäre dennoch verfehlt, anzunehmen, daß die jüdische Wählerschaft kein Interesse an der Wahlaktion hätte. Mag ihr auch wenig Aussicht winken, eigene Kandidaten durchzubringen, so ist sie dennoch an der Gestaltung der parlamentarischen Verhältnisse so lebhaft interessiert, daß schon jetzt darauf mit besonderem Nachdruck aufmerksam gemacht werden muß. Wie die Dinge einmal liegen, wird sich der Wahlkampf hauptsächlich zwischen den zwei extremen Parteien, den Christlichsozialen und den Sozialdemokaten, abspielen. Die bürgerlichen Demokaten tteten mit wenig günstigen Aussichten in den Kampf ein. Daß die Juden das größte Interesse daran haben, es zu keinem Siege der Christlichsozialen kommen zu lassen, braucht nicht erst besonders betont zu werden, mochten diese sich auch das jüdisch-nationale Programm zu eigen machen und für die Anerkennung der Juden als besondere Nattonalität eintteten. Das „timeo Danaos atque dona ferentes“ (ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen) war nie mehr angebracht als jetzt. Aber auch das Uebergewicht der Sozialdemokatte kann uns nicht ganz passen, schon angesichts ihrerZSozialisierungsbestrebungen, die für den Mittelstand sehr gefährlich sind. Wir haben deswegen das größte Interesse an einer möglichen Stärkung des bürgerlich-demokratischen Elements und keine jüdische Stimme darf diesem verlorengehen. Voraussetzung ist natürlich, daß sich eben diese demokratischen Gruppen für die Aufrechterhaltung und Durchführung der vollsten Gleichberechtigung verbürgen und keineswegs mit den nationalistischen Parteien in die Laube gehen. 'Unsere Interessen als Bürger und als Juden werden am besten gewahrt sein, wenn es gelingen würde, in die Nattonalversammlung eine ansehnliche bürgerlich-demokratische Gruppe hineinzubringen. Heute, im ersten Stadium der Wahlkampagne, ist es wohl nicht gut möglich, der Kandidatenftage näherzutreten. Prinzipiell aber soll schon jetzt die Richtung, welche die jüdische Wählerschaft einzuschlagen hätte, festgestellt werden. was will die Orthodoxie in Lrez-Iisroel! Nach einigem Zögern, das länger als angebracht dauerte, hat sich die glaubenstteue Judenschaft dazu aufaerafst, eine Aktton für Jischub-Crez-Jisroel in Angriff zu nehmen. Nachdem bereits die Orthodoxie Deutschlands, Polens und Ungarnder Sache nähergetteten ist, folgt nunmehr auch die Wiener Orthodoxie; an anderer Stelle dieses Blattes befindet sich ein eingehender Bericht über die erste zu diesem Zwecke abgehaltene Masimversammlung. Das Eingreifen der orthodoxen Judenheit in die Erez-Jisroel-Sache ist sicherlich mit großer Genugtuung zu begrüßen, und man kann ihm nur den größten Ersatz wünschen. Vieljach wttd aber die Frage aufgeworfen: Was will eigentlich die Orthodoxie in Erez-Jisroel? Warum verlegt sie sich darauf, eine separate Aktton einzuleiten? Wäre es nicht empfehlenswert, Hand in Hand mit den Zionisten zu gehen, die auf diesem Gebiete bereits vieles geleistet und wesentliche Erfolge aufzuweisen haben? Um diese Fragen, zu beantworten, muß man sich zunächst vor Armen halten, daß die zionistische Aktion nach zwei Richttmgen sich bewegt. Einerseits wird die Besiedelung des Heiligen Landes mit Juden angestrebt, anderseits die Schaffung eine» ^Mischen-KuÜMtzentrumK dortselbst. WÄde e» sich bloß um die Kolonisation handeln, so könnte man dem Gedanken einer gemeinsamen Arbeit wohl nähertteten. Die Orthodoxie hat zwar auch diesbezüglich bestimmte Postulats und Desideria, ohne deren Berücksichtigung von einem Zusammengehsn keine Rede sein könnte. Die glaubenstteue Judenschaft kann von der Forderung nicht abgehen, daß das jüdische öffentliche Leben im Heiligen Lande voll und ganz auf religiöser Grundlage basieren muß. Die jüdische Gemeinde, die öffentlichen Jnstituttonen müßten im Sinne und im Geiste der religiösen Vorschriften eingerichtet und geleitet werden. Die Sabbat- und Feiertagsruhe muß eingeführt, das Gerichtswesen möglichst im Sinne der jüdisch-religiösen Gesetzgebung geleitet werden. Es müßte auch für die religiöse Erziehung der Jugend entsprechende Vorsorge getroffen werden, wie nicht minder für die Errichtung und Erhaltung aller relmsösen Jnstttutionen. Diesbezüglich wäre aber ein Einvernehmen sicherlich zu erzielen. So sehr die zionistische Leitung sich bisher dagegen sträubte, nach dieser Hinsicht Erklärungen abzugeben und sich hinter die Ausrede stellte, nach einem Ausspruch Herzls habe der Zionismus mit der Religion ^nichts zu tun, diese sei vielmehr Privatsache — so müßten die Herren sich dennoch angesichts der großen Bedeutung, die einer gemeinsamen Arbeit zukäme, zu entsprechenden Konzessionen bequemen. Darüber ließe sich also reden. Wenn es der Orthodoxie gelingen sollte, im Heiligen Lande eine größere Anzahl glaubenstreuer Juden anzusiedeln, so könnte sie sich im Lause der Zeit den entsprechenden Einfluß schaffen und ihren Standpuntt zur Geltung bringen, da sie doch bekanntlich das Gros der Judenheit im allgemeinen bildet. Viel stärker? kommt jedoch ein zweites Moment in Betracht, hinsichtlich dessen die glaubenstteue Judenheit absolut ihre eigenen Wege gehen muß, und zwar nicht nur negativ, sondern auch positiv. Die Zionisten wollen, wie bereits erwähnt, in Erez-Jisroel ein geistiges Zenttum in ihrem Sinne, im sinne ihrer modernen Kultur, bilden. Dasselbe Ziel muß auch die Orthodoxie vor Augen haben. Da scheiden aber die Wege ganz entschieden. Was