Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 414)
- Language
- German
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389 Bialystok. Nachts. Zwischen zwei und drei Uhr. Das Städtchen schläft. Der Marktplatz bat seine kleinen Lider, die niedrigen Läden, zugeklappt. Weit fort quietschen Holzbrücken an der Chäusseestrasse, Katzen miauen anf den Dächern, sonst ist es still. In einer kleinen Holzhänsergasse liegt in der Mussar- Klaus jemand am Boden und schreit: Mensch! Mensch! Weiter nichts als dies Wort. Man hört, wie der Kopf dabei hart aufschlägt, wie er platzlieh aufweint wie ein kleines Kind, man merkt, wie der ganze Mensch geschüttelt wird, durchgerüttelt und nach einer Weile wieder anfängt: Mensch! Mensch!, diesmal nur gröber, bitterer. Der da oben ist ein Nawardoker, ein Nawardoker und kein Flagellant. Er durchlebt die Geburtswehen einer guten Stunde, einer reinen Regung und schreit dabei, wie noch nie eine Mutter geschrien hat, wenn sie ein Kind gebar. Sie rennen, die Nawardoker der Mussar-Klaus, im Halbdunkein durcheinander. Rennen, denken in sich hinein, immer weiter, immer tiefer, sind wie Bohrer, die in hartes Erdreich greifen. Und haben sie sich gepackt, daß das Weh um die eigene Schwäche aufbricht wie eine frische Wunde, dann beginnen sie ein Wart zu sagen, einen Satz, immer langsamer, immer gequälter, immer lauter, immer strafender, und alle Sehnsüchte nach der Umkehr, alle Zerrissenheit und Zwiespältigkeit ergießt sich in zwei, drei Worte: Führe uns zurück! schreien sie. Mensch aus Staub! weinen sie. So laut, so sturmgleich stark sind die Aufschreie, daß man meint, sie müßten die Hülle des Hauses sprengen. Das ist, oberflächlich gesehen, Rabbi Israels Musaarklaus• In Wirklichkeit aber ist es nur Vorstufe zum Eigentlichen, zur Tat, |8t nur Sammlung vor dem Entschluß. Wenn die Nawardoker vom Mussar erschöpft zusammensinken, dann steht fest, wie sie ihr Morgen und Übermorgen gestalten werden, um besser zu sein als heute. Dann ist ihnen kein Frondienst zu schwer, keine Selbstdemütigung zu schlimm, um nicht auf die Schultern genommen zu werden. Das unterscheidet Nawardoker von allen anderen Mussamikes, daß sie ihr Leben in der Hand haben und ans ihm machen, was der Wille zum Besserwerden ihnen auferlegt. Daß sie nicht nur für einzelne Dämmerstunden Stellung und Geltung und Ichbewußt.