Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 413)
- Language
- German
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388 ziehen. Da hat die Erregung den Menschen keine Zeit gelassen, sich ordentliche Waffen zu besorgen. Was einem in die Hand kommt, damit geht man gegen sein Ich los. So hetzt Nawardok Brauseköpfe, gefährliche, waghalsige junge Juden, die dem Verhängnis der Durchschnittlichkeit coute que coute entrinnen wollen, auf sich selbst. Vielleicht ist auch das zum Guten. Sprungbereit, in den Flanken zitternd, hungrig, der Welt auflauernd, hätten sie ohne Nawardok vielleicht die soziale Ordnung, regierende Tyrannen, Ländergrenzen angesprungen. Ich habe in Warschau, in der Franziskaner-Gasse 11, einen Nawardoker aus einer Blechschüssel Tee trinken sehen. Als jemand dazu kam und ihm Zucker geben wollte, griff er gierig danach. Aber wie er ihn schon in der Hand hatte, wurde er inne, daß er nach einer ganz niedrigen, kleinlichen, überflüssigen Sache, nach einem Stückchen Zucker Gelüste getragen hatte. Und er ließ es fallen. Und sagte trotzig: ״Tee mit Zucker? Warum ausgerechnet? — Mit Salz muß man es trinken! “ Und trinkt seither Tee mit Salz. Wozu? Warum? — das darf man in Nawardok nicht fragen. Stark wie die Sünde ist die Guttat. Abgründig wie die Umkehr ist das Verbrechen. Der Talmud sagt: Je größer einer ist, desto größer ist sein böser Trieb. Kleine Durchschnittssünder brauchen nur kleine Durch- Schnittsumkehr. Große, leidende, ewig ans Kreuz ihrer eigenen Unzulänglichkeit genagelte Menschen bäumen sich auf, reißen sich los, daß ihr ganzer Körper blutet, daß kein Faserchen ihrer Kraft, kein Bestehen ihrer Energie ungenutzt bleibt für die Umkehr. Stimme, Auge, Ohr, Fuß und Hand, alles womit, du gegen deine höhere Bestimmung sündigen kannst, all das muß mit all seinen Kräften umgebogen werden zum Guten. Deshalb kann niemandes Stimme so laut auf schreien in den Mussarstunden wie die von Nawardokern, deshalb sind keine Augen so weit aufgerissen und tief forschend, wie die von Nawardokern. Deshalb ist niemand so feinhörig für das Leid des andern wie ein Nawardoker. Deshalb kann niemandes Fuß 80 weite Wege machen, um zur Jeschiwa zurückzukommen, wie der Nawardoker.