Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 412)
- Language
- German
- Belongs to
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387 Nawardok ist nicht Slobodka. Da läßt sieh keiner mit Konst. Stückchen fangen nnd bändigen, da sind alle znm großen Sondertnm geboren, Genies des Verbrechens. Da sind keine Rabbinerskinder, keine Muttersöhnchen. Was man in Nawardok an Scholern hat, das ist geklaut und geraubt, aufgelesen in allen Gassen aller Städtchen, aller Länder. Das ist eine Fremdenlegion der Moralität. Nichts hat das mehr mit der Heilsarmee von Radin, mil der Klosterluft von Keim und den psychoanalytischen Kollegs von Telsch zu tun« Das ist Arena, da gibts nur dumpfe und schwere Schläge, nur Aufkochen und Salto mortale. Die Mussarklans von Rabbi Israel gab für Stunden, einmal in der Woche, im Monat, — Ekstase. Nawardok gibt sie permanent. Es ist deswegen keine Lösung, keine Ideologie, kein Theorem, sondern nur eine Erscheinung. Aber eine, die für Momente bienden kann. Nawardok nährt sich ausschließlich von Brotrinden, die die Frauen in den Häusern wegwerfen wollen. Ganze Scheiben, ganze Laibe nimmt es nicht. Nawardok kennt * kein Eigentum, weder ein persönliches noch ein kollektives. Ein Nawardoker und ganz Nawardok zusammen dürfen nicht mehr besitzen, als was bis zum Abend eines jeden einzelnen Tages unbedingt nötig ist. Für morgen sorgen, auch nur für eine Nacht den Schein gesicherter Existenz besitzen, darf man nicht. Nicht, daß es verboten ist.. Es gibt keine Verbote in Nawardok. Es ist kleinlich. Es zeugt von Mangel an Gottvertrauen. Es ist egoistisch. Das ist viel schlimmer als: ״verboten“. Nawardok formt nicht Menschen, sondern — Athleten. Ein Nawardoker geht nicht unter. Ein Nawardoker ist noch nie irgendwo zerschellt. Ein Nawardoker hat die Energie für alles. Es sind aus diesen dreihundert Schülern hervorgegangen: viele sowjet-russische Funktionäre, zahllose Techniker, sehr viele Vagabunden, ein paar Künstler, wenig Kaufleute, viele Stehanfmännchen, fast gar keine Rabbiner. In Nawardok geschieht nichts mehr um der Gottgefälligkeit, um der Frömmigkeit willen allein. Da wird das Schlechte im Menschen bekämpft, wie es oft bei Volksaufständen geschieht, wenn Bauern mit Heugabeln und Feuerzangen gegen den Feind 2&*