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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 397

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 397)
Language
German
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372 überhaupt an ihm vorbei. Es ist garnichts Auffälliges an Chajim- Jossel; gerade deswegen aber greife ich ihn heraus. Ich sehe ihn vor mir mit seiner kleinen, verdrückten Sportmutze und verbogenen Brillen, mit blonden Bartstoppeln im knoehigen Gesicht und großen, wasserblauen Augen. Er hat breite, ungeschlachte Schultern, die Arme hängen ihm herunter wie zwei schwere Gewichte, er geht hastig, schief. Seine Schultern wippen beim Schreiten, seine großen, groben Stiefel tappen laut. Ich begegne ihm und frage: ״Chajim-Jossel, was machst Du? Wie geht es Dir, Chajim- Jossei?“ ״Danke gut. Ich arbeite.“ ״Was arbeitest Du, Chajim-Jossel?“ ״Nächstenliebe.“ ״So? — Schon lange?“ ״Erst vor zwei Monaten angefangen. Aber ich will das ganze Semester darauf verwenden.“ Chajim-Jossel sagt das so, wie einer bei uns erzählt, er habe in diesem Semester Handelsrecht belegt. Chajim-Jossel ist nicht stolz darauf, daß er in diesem Halbjahr ״Nächstenliebe arbeitet“, und er hält es nicht für besonders wesentlich. Es ist ein Studium wie jedes andere, Nächstenliebe. Wenn man sie nicht studiert, kann man sie nicht. Und können muß man sie, wenn man schon einmal ״Menschwerden“ lernt und später ein Mensch sein will. Chajim-Jossel ist noch ein junges Semester. Im vorigen Halbjahr, von Peßach bis ßosch-Haschana, hat er ״Bösrede“ gearbeitet. Da pflegte er ganze Tage lang nicht zu sprechen, in kommunistische Versammlungen zu gehen, wo jedes Wort ihn zum Widerspruch aufpeitschte und — zu schweigen. ״Training“ nennt man das; oder in der einfachen Sprache der Jeschiwa: ״Tun“. Denn wer schweigen kann, wo alles in ihm schreit, wo es sogar eine Mizwa wäre, zu reden, — der ״tut“ etwas mit seinem Ich. Der wird, im Quartier und im Gespräch auf der Straße, wo immer Leute schwatzen und klatschen und man selbst auch ganz gern etwas erzählen möchte, aber bei einigern guten Willen sich doch zurückhalten kann, ganz gewiß widerstehen.

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