Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 394)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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369 muß. (Es ist das, wie wenn man einem Kind einen goldenen Ring zeigt, und es danach greift und ihn in den Mund steckt. Das glänzende Schmuckstück hat irgend einen Affekt auf es ausgeübt, aber das Kind hat noch keinen anderen entwickelten Sinn als den des Geschmacks und keine andere Möglichkeit, sich an etwas zu freuen als: es in den Mund stecken. Es meint also, der bei ihm vom Schmuckstück ausgelöste Affekt: dies da ist etwas Begehrenswertes, etwas Schönes, käme vom — Gaumen, eben dem Sinn und Empfinden, nach dessen Maßstab allein das Kind alles beurteilt) Betrachten wir das Ganze genauer, so stellen wir fest, daß hierin, — in der Bemühung, die eigenen Sinne nach dem zu erfassenden Gegenstand zu orientieren, und nicht umgekehrt, — das eigentliche Geheimnis menschlich-geistigen Aufstiegs liegt. Je weniger einer die Dinge danach beurteilt, wie seine eigenen Sinne auf sie reagieren, je mehr er der Sache, der These, die ihm begegnet, gerecht zu werden sucht, sich ihr gemäß einstellt, desto eher wächst er im geistigen Sinn. Diesem Umstand haben unsere Weisen unglaublich große Bedeutung beigelegt. Das Bild, die Gestalt, die ״Zura“ eines Wissens erfassen können, — das ist bei ihnen Kriterium für den ganzen Menschen gewesen. (Sie nannten Leute, die das konnten אנשי צורה, sie sprachen häufig von der צורתא דשמעתתא, dem Vorstellungsbild des Gelernten, als dem Wesentlichen beim Lernen überhaupt.) Ja, sie meinen, daß die nicht überlieferbaren Imponderabilien aller Wissenschaft erst den ganzen Menschen machen, ihm sein Gesicht, sein Gebahren, seine Art des Vortrags, seinen Habitus geben. Sie berichten uns (im Jeruschahni Beza 8, 2) mit verwunderlich scheinenden Worten davon, daß Rabbi Jochanan und Resch-Lakisch von sich bezeugten, sie hätten solange nichts von der Tora verstanden, als sie nicht die Finger von Rabbi beim Lernen gesehen hatten. Das, was sich nicht mit dem nackten Wortlaut allein überliefern ließ, was im Lehrer vorging, wenn er lehrte, und welches Bild er vor Augen hatte, als er lehrte, das ließ sich nur, wenn man bei ihm war und wenn man sein Äußeres sah, erfassen. (Das ist der Sinn auch jenes Spruchs, der berichtet, Moses Antlitz habe von den Resten Tinte, die nach dem Schreiben der Tora in seiner Feder geblieben waren, seinen Glorienschein bekommen. Jene Dinge der Tora, die sich nicht sagen und nie- Jahrbuch der J. L. G. XXII. 24