Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 393)
- Language
- German
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368 Unsere Weisen gliedern eigentlich die ganze Weltgeschichte nach diesem Gesichtspunkt, nach der Fähigkeit der verschiedenen Generationen, die Vorstellungen ihres eigenen Wissens auszuschöpfen» Sie sagen (Erubin 53 a): ״Das Herz der früheren Alten war wie Hallentore so weit, das der späteren Alten wie Saaltüren, aber das unsere ist wie Nähnadelöhren.“ Unmöglieh, daß sich diese Äußerung auf das Wissensmaß schlechtweg bezieht, auf den konkreten Umfang der Theorien, die die einen kannten und die anderen nicht. Zweifellos bezieht der Ausspruch sich auf den abstrakten Teil des Wissens, die Vorstellung, Begriffsfülle, die das eine Geschlecht vom anderen unterscheidet. Und die Genialität unserer Weisen bestand darin, daß sie festlegen, messen konnten, wie weit die Vorstellungskräfte jeder einzelnen Generation gingen. (Übrigens haben wir auch schon viel davon gesprochen, welche Bedeutung es hat, wenn sie für die Maßbezeichnung rein geistiger Zustände Begriffsbilder aus dem Stofflichen wählten, den einen mit einer Tür, den anderen mit einer Nadelöhre verglichen. Wir haben schon oft davon gesprochen, daß ihnen alle Welten Parallelen zu einander waren, und daß sie wußten, welches Ding der nieder- 8ten körperlichen Welt jene Stelle einnimmt, die in der allerhöchsten geistigen von bestimmten sublimen Begriffen ausgefüllt wird.) Verwunderlich ist uns an diesem Ausspruch nur, daß unsere Weisen trotz des Glaubens an die eigene Unzulänglichkeit, doch den Mut hatten, über die Früheren solche differenzierenden Werturteile zu fällen. Wir verstehen das nur, wenn wir erkennen, daß in der Tat jeder Mensch, indem er von seinen eigenen Begriffsfesseln sich befreit und den Blickpunkt von Größeren einnimmt, die richtige Beurteilung der Dinge, ganz unabhängig von seinem eigenen Wissensstand, quasi unbewußt, treffen kann. Unser ganzes Unglück ist ja, daß ein jeder an seinem Verstand festhält und meint, mit seiner eigenen Vorstellung von diesem und jenem Ding sei es auch richtig eingeschätzt. Der wirklich Einsichtige aber weiß, daß es höhere und andere Verstandeswerkzeuge als seine eigenen gibt, und daß er besser mit denen* der Großen arbeitet, als mit seinen eigenen; nur die Narren glauben, daß so wie eine Sache auf sie wirkt, sie auch in Wahrheit sein