Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 392)
- Language
- German
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367 These zu erfassen, als in der anderen, — so wandelt sieb ihm auch das, was wir die ״Seele“ jedes Wissensgehaltes nannten. Eine Tatsache sieht ihm ganz anders ans, tut ganz andere Wirkung, hat ganz anderes Gewicht, wenn er sie eben erst erfährt, wie wenn er sie schon seit langem kennt. Auf Grund dieser Erkenntnisse sind von unseren Weisen eine ganze Anzahl Gesetze fixiert worden. In Sanhedrin (35 a), zum Beispiel, wird bestimmt, daß am Freitag keine Gerichtssitzung abgehalten werden darf, weil man nicht heute verhandeln und erst zwei Tage später, am Sonntag, das Urteil fällen kann, auch wenn der Gerichtsschreiber alle Argumente der Parteien genau aufgezeichnet hat. Denn das Protokoll beschreibt ja nur, sagt die Gemara, was gesprochen, nicht was gefühlt wird. Wir sehen also, daß die Weisen glaubten: obwohl die tatsächliche Gestalt der Dinge sich nicht verändert, obwohl was Freitags an Beweisen und Argumenten da war, auch Sonntags gegenwärtig ist, — hat sich doch inzwischen die Vorstellung von eben diesen Argumenten so gewandelt, daß eine Diskrepanz zwischen dem Wissen von Freitag und dem Wissen von Sonntag entsteht, aus der heraus natürlich ein Urteil nicht gefällt werden darf. Was den rein stofflichen Gehalt alles Wissens anbetrifft, 80 ist fast kein Unterschied zwischen Mensch und Mensch, zwischen Groß und Klein; jeder kann jede Zahl und jede Theorie lesen. Die Divergenzen entstehen erst im Bereich der ״Vorstellung“ von jedem Wissen. Je tiefer einer in sie eindringt, je umfassender sein Bild von einer Erkenntnis ist, desto größer ist er. Die Gemara sagt, daß der klug genannt wird, der eine Sache aus der anderen zu folgern weiß, und wir sehen: die meisten großen Denker erfanden ihre Systeme nur so, daß sie Dinge, die allen anderen auch bekannt waren, so vieles umfassender, tiefer, innerlicher ergriffen, daß sie aus der bestehenden Sache — und zwar aus ihrem abstrakten Wissensteil — eine andere zu folgern, zu gebaren verstanden. Und wir sehen, daß zwei Leute oft genau dasselbe aussprechen, erdenken, erfinden können und der eine durch seine Entdeckung große Emotionen erlebt, — so plötzlich und halb unfaßbar scheint sie ihm, — während der andere, dem sie nur Teil eines umfassenderen Wissens ist, von ihr gar nicht bewegt wird.