Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 390)
- Language
- German
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365 Aber als er mit zwanzig dessen Tochter eben geheiratet hat, geht er nach — Woloschin und kommt erst später wieder za seinem Schwiegervater. Trotzdem dessen Telscher Jesehiwa im Wachsen ist, nimmt er doch bald eigene Babbinate an und kehrt erst, als sein Vorgänger gestorben ist, nach Telsch zurück. Das ist heute vor etwa zwanzig Jahren gewesen, and viele Babbiner in Litauen erinnern sich noch daran, wie sie, als zum erstenmal der Telscher Mussar von Babbi Josse! Leb proklamiert wurde, za siebzig Mann an einem Erew-Jomtow Jesehiwa and Städtchen verließen. Aus Protest. Sie wollten diese Lehre nicht annehmen. Sie erschien ihnen zu abstrakt; die meisten der Siebzig sind zam handfesteren Slobodka übergegangen. In der Folge aber traten dann geistige und politische Ereignisse in das Blickfeld der litauischen Jeschiwoth, die nar so überwunden werden konnten, wie Babbi Josse! Leb das von Aniang vorgeschlagen hatte : mit der maßvollen und ein wenig überlegenen Distanzierung. Wäre der Einbruch dieser Erscheinungen, — Krieg, Revolution und Minoritäten-Autonomie — nicht mit solcher Vehemenz erfolgt, dann hätte Babbi Josse! Leb vielleicht Unrecht behalten; dann wäre seine umiangreiche Bemühung, die Welt za zerkleinern und damit zu verkleinern, zu durchschauen and damit über sie hinweg zu blicken, überflüssiges, persönliches Metier gebtieben. Gegen einigermaßen normale Zeiten hätte als rabbinischer Widerstand auch das beschwingte Selbstbewußtsein des Typus Slobodka ausgereicht. In den anormalen Zeiten aber, die kamen, waren die Slobodkar leichter unsicher zu machen als die Telscher mit ihrem Überlegensein im vorhinein und für alle Fälle. Das nämlich hat die Methode von Telsch zum Endzweck, wenn sie dies auch in ihrem Aufbau, in den Präludien ihrer Schmuessen, nicht merken läßt. Sie erzieht nicht direkt zum Stolz, sie macht den Schüler ״nur“ zum Aristokraten. Es ist nicht ihre Schuld, wenn er dann ein bißchen überheblich wird . .. Für die Züchtung jener Geistesaristokratie aber benutzt Telsch eine Betrachtungsweise des Talmud selbst, die man modern nennen könnte, so wenig buchstabenverhaitet und wortspielireudig ist sie. Telsch sieht im Regelfall, fast ganz wie der moderne Leser, hinter dem Midrasch-Ausspruch zunächst den psychologischen Gehalt and viel seltener den scheinbaren Wortsinn: die Ausdeutung irgend-