Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 389)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8840-3495220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m T e 1 8 c h. Zwischen Badin und Keim: Telsch. Radin, — denn Israel und der weite Horizont der Diaspora stehen dahinter; Telscher fühlen sich Kulturträger besten und verpflichtendsten Sinns. Aber es ist das doch nur Horizont und Bewußtsein, nicht Aktion, nicht tägliches Tun. Keim, — denn in Telsch gelten die Lehren Babbi Simcba Sischels über die Erkenntnis, die Psychoanalyse, die Arbeit an sich selbst. Allerdings: die Verwandtschaft der beiden ist sehr entfernt. Aber sie ist es erst, nachträglich geworden, als ein so starker, selbständiger Denker wie Babbi Jossef Leb Bloch das Telscher System formte. Bis zu ihm, bis er kam, waren in Telsch Wesenselemente von beiden, Badin, dem Typus der alten Jeschiwa, und von Keim, vorhanden. Der Gründer der Telscher Jeschiwa nämlich, Babbi Elieser Gordon, ist vorher Bosch-Jeschiwa in Keim gewesen, Leiter einer Volkshochschule also und doch — in Keim, der Stadt Babbi Simcha Sischels; Antipode der Mussarklaus und doch — aus dem Kreise um Babbi Israel. Er ist eben ein Gaon gewesen, dem aus seiner Tora selbstverständlich jene harmonische Geschlossenheit kam, in der er Dinge, die unfertigen Menschen Gegensätze schienen, leicht vereinigen konnte. (Soviel Berichte als wir über die Größe seiner Gelehrsamkeit haben, genau soviel Zeugnisse seiner übergroßen Menschenliebe haben wir, und beinahe symbolisch im Dienste beider Eigenschaften zugleich ist er gestorben, als er für sein abgebranntes Städtchen mit Hilfe seines Rufes als Gaon in London Gelder sammelte.) Diese Beziehung zu zwei einander entgegenstehenden Systemen, die mit seiner Person gegeben war, ist dann, wie gesagt, unter seinem Nachfolger, Rabbi Jossef Leb, recht lose geworden. Aus der Verschwägerung zweier Seitenlinien des Mussar erwuchs in der nächsten Generation ein ganz und gar selbständiges Familienglied. Schon der Bildungsgang von Babbi Jossef Leb ist so eigenwillig gewesen. Sohn eines Bassejner Baalhabajit, mit sieben Jahren ein Lamdan, kommt er mit elf zu Babbi Mosche Charif in Weksna und mit vierzehn zu Babbi Elieser Gordon nach Keim.