Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 388)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Sache. Leben ist zugesagt. Es läßt sich verdienen und verscherzen. Das ist der Chofez Chajim, der als jnnger Mensch einen Wagen nimmt, durch Städte und Städtchen fährt und zusieht, daß Israel sich auf seine Verpflichtung besinnt. Der vor dem Beth- Hamidrasch Halt macht, mit einem Zettel kund und zu wissen tut, daß hier heute Abend eine Rede über die Umkehr gehalten wird, der sich dann unter die Leute am Markt mengt und zu ihren Herzen spricht und später in der Dämmerstunde vom Pult im Beth-Hamidrasch her bittet und fleht: Juden, lebt . ..! Der ihnen die selbstverfaßten Bücher schenkt und Vereine gründet, die jeden Abend aus ihnen lernen, der sich selbst es dann hinterm Ofen bequem macht und am nächsten Morgen weiter fährt, in andere Städtchen, zu anderen Juden, die auch leben sollen, lange, gut, so wie sie können, wenn sie nur wollen. . . Dies Jahre lang. Still. Mit weniger Aufhebens als es eine Fliege macht. Nicht als Rabbiner, nicht als Gelehrter oder Schrift־ steiler, als einfacher Kaufmann. Als ein Kaufmann, dessen Frau um die Mittagszeit den Laden schließen muß, wenn da schon genug für den Lebensunterhalt dieses einen Tages verdient ist. Das ist der Chofez-Chajim, der, wenn er jemandem in eine fremde Stadt einen Brief mitgibt, zuerst an sein Pult geht, eine Marke herausholt und sie — zerreißt; er würde ja sonst die Post bestehlen ... Hier ist kein Kampf mehr, kein intellektueller und kein seelischer, keiner gegen die Welt und keiner gegen das Ich. Hier ist der Mensch eins mit sich. Wir heutigen, zerspaltenen, zerrissenen Menschen wissen im Urgrund unserer Seele auch noch vom Gegenteil dessen, was wir sind und sagen. Leute wie der Chofez-Chajim sind so geschlossen, ihr Wissen um Gott und seine Lehre ist so ohne den kleinsten Riß und Spalt, daß es automatisch zum Nichtwissen um alles andere wird — eben zu dem, was wir »Naivität״ nennen. Ihre Versenktheit in die Thora ist so vollkommen, daß nicht nur kein Schimmer der Umwelt an sie herankommt, sondern daß sie gar nicht fähig wären, selbst wenn sie sie sähen, um sie zu wissen. In ihrer Seele ist kein Platz mehr für sie.