Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 387)
- Language
- German
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362 der Instinkt sich aufs kleinste Gräschen abseits des Weges stürzen und den Menschen dann immer weiter fort treiben wird, bis in den Graben. Das meint die Gemara. Welchen Menschen hilft Gott? — Denen, die sich wie Tiere fühlen, die ständig wissen, daß sie es in sich selbst mit tierischem Wesen zu tun haben. Den Unterschied zwischen Engeln und Menschen und ihrer Bewertung durch Gott versteht man, wenn man sich vor Augen hält: Die Hofleute, die ständig um den König sind, tragen Gala־ uniform und großen Schmuck. Für die Ausführung des Königswillens aber sind die Soldaten bestimmt, die in ferne, kalte Länder geschickt werden, dort Eroberungen zu machen; sie tragen grobtuchige Kleider und klobige Stiefel. Trotzdem wird nur ein Dummer, wenn er die einfachen Soldaten sieht, glauben, daß, weil sie so schlecht angezogen sind, der König sie nicht achtet, nicht liebt und nicht braucht. Jeder verständige Mensch weiß, weshalb sie grobe Kleidung tragen, und daß, wenn sie siegreich in die Residenz zurückkommen, auch die einfachen unter ihnen in Galauniform und mit Orden paradieren werden. So ist die Ordnung der Welt. Die Engel, die vor dem König der Heerscharen stehen, brauchen für ihren Dienst kein grobes Gewand. Der Mensch aber, der in der niedersten aller Welten Gottes Willen ausführen muß, wird mit Haut und Muskeln und Fleisch gegen die Fährnisse der Materie geschützt. Und nur ein Dummer kann meinen, daß deshalb Gott die Menschen weniger lieb und wertvoll wären, als die Engel. Im Gegenteil: wenn wir unseren Dienst erfüllt haben und zum König der Könige zurückkommen, dann kleidet er uns in engelsgleiche Gewänder und läßt uns dicht bei sich sitzen und liebt uns mehr als seine körperlosen Diener. Das ist der Chofez Chajim. Der, der will, daß Israel lebt. Denn leben ist nicht eine organische, vom Schicksal bestimmte