Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 384)
- Language
- German
- Belongs to
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359 werden ganz gelungen ist, weiß ich nicht. Irgendwo, glaube ich, sehen sie doch eine Lücke in dem Netz von einfachen Vorsteilungen, das den Chofez Chajim zum Urheber bat, irgendwo bricht der stärkere Intellekt wohl doch zur Seite hin ans und fragt und sucht auf fremdem Feld Antwort. Der Regelfall aber ist, daß wenn man mit einem Radiner irgendein Problem bespricht und philosophische oder auch nur neumodische Terminologie in die Rede zu fließen beginnt, — daß der Radiner dann unterbricht und leise, bestimmt meint: ״... der Chofez Chajim sagt ganz einfach .. .“ Und darin liegt etwas wie der endgültige, gewollte Verzicht auf alle Problematik, der ja nur für wenige Menschen ein schmerzlicher Verzicht ist. Ein paar Mescholim aus Radin: Jeden Tag lesen wir zweimal: ״Du sollst lieben den Herrn deinen Gott.“ Aber wir denken auch nicht eine Minute daran, wie wir wirklich dazu gelangen können, Gott lieb zu haben. Jeden Tag verkünden wir, daß er König über Himmel und Erde ist und denken gar nicht daran, ihn auch die Herrschaft über unser Ich antreten zu lassen. Es ist das, wie wenn einer auf der Arbeitssuche zu einem reichen Kaufmann kommt, ihn fragt, ob er einen Angestellten braucht, und hört, daß nur der Posten eines zuverlässigen Vertrauensmannes frei sei. Der Arbeitslose verspricht natürlich, sich dies Vertrauen verdienen, alle Wünsche des Kaufmanns befriedigen zu wollen, und er bekommt schließlich auch den Posten. Später einmal will der Kaufmann eine lange Reise antreten, ruft den Vertrauensmann vorher zu sich, schreibt ihm all seine Pläne und Wünsche auf einen Zettel, übergibt den seinem Angestellten und sagt: ״Diese Liste enthält das, worauf es mir im Geschäftsgang ankommt, achte auf sie!“ Wie dann nach langer Zeit der Kaufmann zurückkehrt und seine Angestellten zusammenrufen läßt, erscheint unter ihnen auch der Vertrauensmann. Der Kaufmann fragt ihn, ob er auch jenes letzten Gesprächs vor der Abreise eingedenk gewesen sei und der Angestellte sagt: ״Ja^ jeden Tag habe ich deinen Zettel andächtig durchgelesen.“ ״Durchgelesen? Sonst nichts?“