Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 383)
- Language
- German
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35S daß Rüben auch übertreten bat: ״Du sollst auf ihn kein Fehl wälzen“) und verteidigt sich: Ich habe zwar so etwas ähnliches gesagt, aber nicht mit dem Ton, den du dem Ausspruch unterlegst, denn bekanntlich hängt ja sehr viel von der Betonung ab. Schimon aber sagt zu Levy: auch wenn du es jetzt in Abrede stellst, dir glaube ich nie wieder, (und Übertritt damit das Verbot: ״Da sollst keine falsche Kunde aufnehmen“.) Wir sehen also, wieviel Verbote durch das Beharren auf einer Behauptung und durch Zuträgereien übertreten werden können. Gott schütze uns vor dieser Eigenschaft.“ Aber damit allein, mit der Aufzeichnung der Vorschrift und dem Aufzeigen der Gefahrenfülle, ist es natürlich noch nicht getan. Man muß den Juden auch Zureden. Der Anruf, den Rabbi Israel als erster betätigt hat, ist deshalb in Radin allervornehmste Aufgabe. Allerdings, der Radiner Ruf ist nur im Ziel, dem der Aufrüttelung, Rabbi Israel verwandt-, die Methode ist ganz anders. Während Rabbi Israels Rede mit dem Hinweis auf das persönliche Leid begann und in der tendenziösen Erklärung von Midraschim sich Hilfsmittel für einen philosophischen, moralistischen Gedankenaufbau holte, wird in Radin nicht vom Menschen als problematischem Wesen, sondern vom Leben der Gasse ausgegangen und mit der volkstümlichen Redeforra kat exochen, dem Geschichtchen, dem ״Moschei“ argumentiert. (Und ״Moschei“ hat hier nicht etwa den übertragenen, vor allem im westlichen Sprachgebrauch üblichen Sinn von ״Anekdote“, — wenn auch einer mit über den Einzelfall hinausgehenden Bedeutung, — Moschei heißt hier, was es ursprünglieh hieß: Gleichnis, Projizierung kleiner Alltäglichkeiten auf große, aber lebensnahe Hintergründe.) Urälteste jüdische Predigerkunst hat so unter Radins Einfluß ihre Wiederbelebung gefunden. Die Redeweise des Midrasch, (schlicht und immer mit der Zwischenfrage: wem ist das zu vergleichen?... es ist zu vergleichen einem König undsoweiter,) züchtiges Verstecken des eigenen tiefen Verständnisses für den Schriftvers hinter dem simplen, ohne alle Terminologie zugänglichen Gleichnis, tief gläubige und naive Rede, das wird von Radin aus gepflegt, das hat Radin seine Popularität verschafft, das ist aber auch seine besondere Methode zur Erreichung von Rabbi Israels Wunschziel: dem Schlichtwerden. Ob allerdings auch den Beschwingteren in Radin dies Schlicht-