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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 378

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 378)
Language
German
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353 Später mußte man es schon variieren in: Tora um Israels willen. So unterscheidet Radin von Woloschin, daß hier im Lernen eine Art Aktualität, Blickrichtung auf Zeit und Umwelt, liegt. Soll ich das konkreter umschreiben, dann weiß ich nichts Bezeichnenderes als dies: Radiner haben es, jeder einzeln für sich, auf sich genommen, an Fasttagen, besonders am Jom-Kippur gegen Abend, wenn alle Welt bei Nachteintritt essen geht, den Sturmlauf aufs ״Anbeißen“ nicht mitzumachen, sondern: sich hinzusetzen und zu lernen. Trotz allen quälenden Hungers. Denn diese Stunde ist besonders kritisch. Ganz Israel geht zum Essen und es könnte sein, daß da sich eine Minute ergibt, wo in der ganzen Welt kein einziger Mensch Tora lernt. Und dann müßte ja das All zusammenbrechen. Dann hat die Welt ja keinen Bestand, weil keine Existenzberechtigung, mehr. Und Radiner halten die Welt auf. Sie sichern das Getriebe. ... Mit solcher Orientierung, solchem Blick auf die Gesamtheit, füllt Radin eine von mir persönlich immer schmerzlich empfundene Lücke in Rabbi Israels Lehre. Legt man nämlich neben Rabbi Israels Briefe und Bücher eine darschanische Schrift, gleich weleher Herkunft, oder gar ein chassidisches Werk, dann fällt einem auf, daß in den Reden des Mussar das Wort ״Israel“ fehlt. Richtig, Mussar ist eine individualistische Lehre. Sie appelliert an die Instinkte des einzelnen Menschen, sie spricht nicht von den Zukünften und Schicksalen der Nation. Aber daß sie nie von der Prädisposition zur Heiligkeit, die noch im letzten Juden Hegt, redet, daß sie keine Millionen-umarmende Gebärde für ganz Israel hat, daß sie nie vom Bruder Juden, sondern nur vom ״Nebenmensehen“ spricht, — das ist doch zweifellos ein Manko. Vielleicht steht es im Zusammenhang mit der litauischen Wesensart, die keinen Überschwang und kein au den Anonymus gerichtetes Gefühl kennt. Und wenn es so ist, wenn dieser Mangel in Rabbi Israels Lehre ״litauisch“ ist, dann ist es auch kein Zufall, daß Radins Popularität und Sehülerfrequenz ans dem Polnischen herkommen. Denn in Radin beginnen die Reden und Bücher, die Taten und Gedanken alle mit: Israel, ״das“ Volk, das heilige Volk. Mussar kann dort also seine Argumentation nur aus der Verpflichtung her holen, die ganz Israel bindet. Es spriebt viel weniger Jahrbuch der J. L. G. XXU.

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