Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 377)
- Language
- German
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nicht: zerknischter Hörer, — sitzt man in Keim vor den Mussarbüchern. Und so auch, so gebändigt, lebt man. Kelmer weichen nicht, wie Rabbi Israel, in großem Bogen jeder Bösrede aus. Sie geben sich nicht, wie Slobodkaer, ihr dann und wann einmal hin, sondern: sie stehen dabei und schweigen. Schweigen mit der besonnenen Überlegenheit, die der Aristokrat hat, wenn Proletenweiber auf der Straße schwätzen. Keims Hausordnung könnte so, wie sie da ist, nach Schul Pforta übertragen werden. Kelmer Lehrstunden fangen so pünktlich an, wie Eisenbahnzüge abfahren. Der Moralist ist Soldat geworden. Wer heute nach Keim kommt, zwanzig Jahre nachdem Rabbi Simeha Sischel nicht mehr lebt und ein ehemaliger Libauer Getreidehändler die Leitung der Schule übernommen hat, der wird sich wundern, wenn er sieht, daß dort vor der Heiligen Lade kein Vorbeterpult steht. Bei näherem Zusehen wird er merken, daß an der Wand in Kopfhöhe ein schräges Brett herunterhängt. Er wird sich nach der Ursache erkundigen und erfahren: Weil bei den gewöhnlichen Vorbeterpulten die Gefahr besteht, daß einer sich einmal vergessen und darüber hin lehnen könnte, — deshalb zwingt ihn Keim, stramm und mit hocbgerichteten! Kopf vor jenem schrägen Buchbrett zu stehen. Denn vor dem König der Welten müssen wir Haltung annehmen wie Soldaten vor ihrem Befehlshaber. Radin. Gegenüber Keim: Radin. Diese Jeschiwa ist älter als alle anderen. Sie war schon vor beinahe siebzig Jahren da, lange ehe Rabbi Israel ins Leben der Jeschiwoth eingriff. Diese Jeschiwa hat sich also nur als Ganzes und mit der Wesenheit, die ihr schon vorher zu eigen war, dem Mussargedanken ergeben können. Nicht vom Mussar gegründet, trug sie zunächst die Absichten einer Jeschiwa alten Schlages, Sammelstätte der Tora zu sein. Aber sie wurde doch rasch Stätte der Toraverbreitung. Diese — ein ganz klein wenig von Woloschin differierende, — Sinnes־ richtung haben die Zeitläufte erzwungen. Früher gab es hier noch etwas wie ein l’art pour l’art, Tora um der Tora willen.