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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 376

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 376)
Language
German
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351 zu erreichen. Deshalb: mehr als er über sieh weinte, dachte er über sich nach, mehr als er an den Dingen teilnahm, sieh ihnen entgegenstellte, mit ihnen rang und sie nieht ließ, es sei denn, sie hätten ihn gesegnet, — mehr denn all dies analysierte er die Welt. Er war, glaube ich, der erste Talmudist, der sein Leben der Psychoanalyse gewidmet hat. Rabbi Israel erschrak noch vor sich und schrie aus der Not seines Erschreckens. Keim aber ״besinnt“ sich und seine Not. So ist es das besonnenste aller Mussarsysteme geworden, so ist seine Klaus das einzige jüdische Kloster der Welt. Während in Slobodka der Witz als Bonmot, wie jeder Esprit, geliebt wird, weil noch der Übermut umzubiegen ist, darf man in Keim nicht lachen. Denn was als Witz gesagt wird, ist ja geistiges Eigentum des Menschen und wenn es eine Frechheit ist gegen Gott, die Welt, den Talmud, den Lehrer, gegen was auch immer, ja wenn es nur Hemmungslosigkeit der Stimmung andeutet, — dann muß es überwunden, ausgeschaltet werden. Was Rabbi Israel wollte: die endgültige Hintansetzung des Intellekts, was Slobodka erreicht hat: seine Umwandlung zu einem Diener der Frömmigkeit, das ist in Keim — Bändigung, Zähmung geworden. Rabbi Israel noch hat im Gebet Fäuste gehoben und sich unter seinen Worten wie unter Nackenschlägen gebeugt. In Slobodka ist das Raunen der gemeinschaftlichen Gebetsstunde Ausdruck zuckenden jungen Lebens, — in Keim ist es beim Beten still wie in einer Totenkammer. Fünfzig, sechzig Menschen stehen da in den Reihen stramm wie die Soldaten, die Hände ruhig zur Seite, kein Zittern, keine Bewegung, kein Sich-Scbütteln, kein Seufzen, nur gedämpftes, heißes, jedes Wort dreimal um wendendes, besinnendes Lippenbewegen. Zu Rabbi Israels Zeiten haben die Schüler, beschäftigt mit der innereu Unvollkommenheit, ihr Äußeres vernachlässigt, in Slobodka widmet man ihm nicht mehr Aufmerksamkeit als unbedingt nötig ist, — in Keim lassen sie keinen ins Bethaus, dem die Schuhe nicht blinken, dessen Hut nicht vorher gebürstet ist, der keinen weißen Kragen trägt ... Ganz und gar ist hier der Mussar vom Gefühl abgelenkt und zu einer Wissenschaft vom Menschen geworden. Stumm, mit großen konzentrierten Augen, — ganz wissenschaftsdurstiger Leser, gar-

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