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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 375

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 375)
Language
German
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350 In allen Dingen des Lebens wird uns das klar. Zuerst dachte ich, daß deshalb das hebräische Wort so sehr ohne Eindruck auf uns bleiben kann, weil Hebräisch nicht? die Muttersprache ist. Jetzt aber weiß ich, daß es nur daher kommt, weil wir sie gedankeülos und ohne je über sie nachzudenken, als Kinder angelernt bekommen haben. Nimm zum Beispiel das Wort ״Tora“. Sagen wir es im ständigen Gesprächsgebrauch, macht es gar keinen Eindruck au! uns, übersetzen wir es aber und sprechen dafür das Wort ״Bildung״, erkennen wir es viel tiefer ן denn das Wort Bildung hat sich uns aufgebaut aus den Begriffen und Vorstellungen von Wissen und Studium und vielen anderen Dingen, das Wort Tora aber haben wir ohne Unterbau und Zugabe, wie einen Befehl, den man ausfübren muß, empfangen. So ist kein anderer Weg zum Aufstieg und keine andere Verpflichtung als die, immer wieder alles zu vergessen, was man gestern gewußt hat und es aufs neue zu erkennen, nichts als selbstverständlich hinzunehmen, nichts schon ein-für-allemal zu wissen. Ich habe gesehen, daß viele unter uns sind, die garnicht über Himmel und Wasser und Erde, den Auszug aus Ägypten, das Manna und all diese Dinge nachdenken, sich nicht über die Wunder in all dem wundern und garnicht versuchen, ihre Wesenheit zu erkennen, und all das ist nur, weil sie von Kindheit an mit diesen Begriffen aufgewachsen sind. So aber darf es nicht sein. Wir, die wir wissen, was das Übel ist, müssen jeden Tag von neuem beginnen, erkennen zu wollen. Ich wenigstens mühe mich schon seit langem zu verstehen, was ich spreche; es gelingt mir aber nur zu einem Teil.״ Das ist Keim. In Slobodka durchlaufen sie jeden Morgen bei den Segenssprüchen über die Tora freudig, genießerisch, in wenigen Sekunden den Weg vom sprachunbegabten, lallenden Kind zum Gemara-lemenden Großen. Hier, in Keim, hat derselbe Vorgang gerade wegen der Schnelligkeit, mit der er sich vollzieht, seine Gefahren. Denn der Genuß ist ein Widerpart der Erkenntnis. Und Erkenntnis ist die Hauptsache. Keim macht bei jedem Schritt, jedem Wort Halt und erstaunt und analysiert und erkennt, und durchschaut. Rabbi Simcha Sischel nahm das Wunschziel von Rabbi Israel, die Ausgeglichenheit, die selbstverständliche Frömmigkeit und versuchte, es intellektualistisch

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