Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 374)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8825-3495205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
349 der juuge Mensch allmählich in der Jeschiwa Tieferes erfassen würde, immer würde er es anf die Erkenntnisse zurückführen, die er besaß, als er zu ans kam, und mit den Grundbegriffen verbinden, die er sich als Kind erwarben hat.) So weiß jeder von Kindheit an, daß es einen Gott gibt, der die Welt geschaffen hat, der auf seine Geschöpfe achtet und sie aus Ägypten herausgebracht und das Schilfmeer gespalten und die Tora gegeben hat undsoweiter, undsoweiter. Über all diese Dinge aber müßte man doch vor Verwunderung und Nachdenken garnicht hinwegkommen können! Aber weil die Erziehung sie uns früh eingewurzelt hat, sind sie abgegriffene Münzen geworden, angelernte, nicht überdachte Dinge. Und als Naturtatsachen hingenommene Erkenntnisse — sind keine Erkenntnisse. Wenn sie auch, weil sie so leicht und so früh und als so feststehend empfangen wurden, unerschütterlich und unausrottbar sind. (Weshalb die einfachen Leute an ihren Gebräuchen, an allem, was sie vom Vater her gesehen haben, so viel stärker festhalten als an den Gesetzen, die sie später aus Eigenem erlernen.) Deshalb befiehlt uns die Tora, daß Himmel und Erde jeden Tag uns wie neu erscheinen sollen. Das bedeutet nicht, wie die Leute meinen, daß wir uns an ihnen wie an Neugeschenktem freuen, sondern, daß wir Mal um Mal sie aufs Neue erkennen sollen. (Wie hieß es noch in Slobodka? Genau umgekehrt. Freuen, nicht nur danken.) Aller Gegensatz in der Welt besteht nur zwischen den Erkennenden und den Empfangenden. Die einfachen Leute hüten nur die Gesetze, die sie haben; wer aber auch alles, was er schon hat, immer wieder erkennend betrachtet, der kommt dazu, sich ganz neue Gesetze zu erteilen. (So hat Rabbi Israel nur deshalb derart viel neues in der Halacha anfdecken können, weil er nichts in ihr als gegeben nahm.) Das macht uns die Urväter verständlich. Weil nichts ihnen anerzogen war, weil sie sich aus eigener Erkenntnis ihre Gesetze haben schaffen müssen, war in ihnen Einklang zwischen Wissen und Tun. Dem aber, der sich nicht ums Erkennen müht, dem ergeben sich die Abgründe zwischen der Verpflichtung, die er nur überliefert bekam• men hat, und den Verpflichtungen, die er erfährt, aber nicht übt.