Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 372)
- Language
- German
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347 Zeitgebundenheit entrückt. Denn er ist ein unsagbar strenger Mensch gewesen. Er pflegte zu sagen: ״Nur der ist wirklich reich, der au! sein Ich verzichten kannu. ״Die Welt ist wie die Musik bei einer Beerdigung. Sie will den Ekel vor dem Geruch der eigenen Leiche übertonen44. ״Wenn man nachrechnet, wird man finden, daß unter allen Millionen Menschen die Majorität entweder krank oder arm oder dumm ist. Warum also sollen wir auf das was ״die Welt44, ein kranker närrischer Schnorrer, sagt, Bücksicht nehmen?44 Es lag ständig ein Zettel vor ihm, au! dem stand: ״Also muß man Zäune errichten, um im Fangnetz des lnstinkt nicht zu vergessen, wie schwer man gefährdet ist. Eine bestimmte Stunde wenigstens an jedem Tag, muß man sich vor Bösrede hüten, und das mit allen Erschwerungen. Eine Stunde wenigstens am Sabbat ihn richtig beobachten: nichts reden, was man an diesem Tag nicht reden soll. Einmal wenigstens in der Woche denken, was das heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Einmal wenigstens in der Woche Willen und Bereitschaft erwecken für: Wohltun am Mitmenschen. Einmal wenigstens in der Woche das ״Ausgeben“ eines Wortes sich so schwer ankommen lassen, wie das Ausgeben einer Geldsumme. Einmal wenigstens in der Woche eilig aus dem Bett springen und sich wie ein Soldat zum Dienst stellen, zum heiligen Dienst. Und sehr, sehr acht geben, kein Alltagsgespräch im Beth- Hamidrasch zu führen, nicht in der Wohnung, nicht beim Essen uud nicht im Ehebett.44 Damit man das recht verstehe: All dies könnte zwar so aus־ sehen, als wäre es dem widerspenstigen, freiheitslustigen jungen Menschen abgerungene Unterordnung unter ein Prinzip — aber in Wahrheit ist es doch nur Disziplin, akzeptiertes Gesetz, erwählte, nicht erkämpfte Eingrenzung. Denn Keim hat (bis vor wenigen Jahren) nur Alte, nur Dreißig- und Vierzigjährige in die Mussarlehre aufgenommen und das wie in einen Orden mit be-