Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 371)
- Language
- German
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346 Aus diesem ratlosen Schrecken der orthodoxen Eltern erklärt sich, weshalb Rabbi Simcha Sischel nach den Kindern griff und weshalb er sie bekommen konnte. Aber das Experiment mißlang. Der Rabbi schob die Schuld, wie alle Laboranten bei allen Experimenten, auf das Material und wechselte es radikal. Er schuf eine Erziehungsanstalt für Eltern. Damit aber änderte er nicht nur symptomatisch das Objekt, sondern auch die Form. Nicht mehr in die Gesamtheit Israels und ihre Gestaltung war blindlings hineinzugreifen, nicht mehr am großen Horizont und der Abwehr einer Allgemeingefahr der Haskala war zu wirken, sondern: eine enge Schülerschaft rings um die eigene Persönlichkeit war zu schaffen, ein enger Kreis für mehr oder minder gemeinsame Arbeit. Das aber, eine nicht das Leben der Gasse gestaltende, exklusive Gemeinschaft, konnte auch die Gelehrtenstadt Keim vertragen. So ist Rabbi Simcha Sischel dorthin zurückgegangen. Hier, in der oberen Etage des Mussarhauses, in immer hermetischer werdender Geschlossenheit des Kreises, hat ihn dann zu Zeiten eine Gloriole des Geheimnisvollen umgeben wie einen Cha8sidimrabbi. Zwölf Getreue sprachen mit scheuen Wundererzählungen von ihm und ließen ihn in die Volks Vorstellung als ein halb überirdisches Wesen eingehen; kein Fremder durfte an ihn heran. Ob solche Abgeschlossenheit seinem inneren Wesen entsprach, oder nur vom Schicksal — vielleicht auch von der Grobiener Enttäuschung — in ihn getragen worden ist, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Es scheint allerdings, daß auf ihn der Rabbi Israel der Abgeschiedenheit, der Einsamkeit in den Bergen, den größten Eindruck gemacht hat. Es wird von ihm, ähnlich wie von vielen Ghassidimrabbis, erzählt, daß er in der Verklärung allen Zeitsinn verlor und häufig nach Stunden Reden oder Schweigen einem der Umstehenden in die Tasche griff, eine Uhr herausholte und sie lange anstarrte, um sich allmählich wieder in Zeit und Raum zurückzufinden. Aber wo solches bei chassidischen Ekstatikern sich ereignete, da nach dem liebebeschwingten Gebet und in der V e rzückung. Bei Rabbi Simcha Sischel geschah es in der Verklärung. Ihn hat nicht die allen Gefühlsstürmen offene Seele, sondern die gewaltsam allen Erschütterungen verschlossene der