Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 370)
- Language
- German
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345 der gesagt hat: Massar ist das Dynamit der Seele, man moß von ihm zersprengt werden. Der Mann, der einmal als junger Mensel» dazu kam, wie Leute ruhig und gemessen Mnssar lernten und fragte: Redet man so mit einem Verbrecher? Und der dann in peinvoller Wegsuche sich bis zur Planmäßigkeit, bis zur Hyperdisziplinierung durchgerungen hat. Der Weg vom einen zum anderen, vom auf gerüttelten Schüler und aufrüttelnden Mahner zum streng und hart gewordenen Diensttuenden, ist sehr schwer, sehr lang gewesen. Er begann mit der Gründung einer kleinen Mussarklaus in Keim, einem Gelehrten- Städtchen bei Schaulen, das aber die exaltierte Gebärde des Mnssar nicht vertragen konnte, eine Jeschiwa alten Schlages unterstützte und Rabbi Simcha Sisehel vertrieb. Auf der Suche nach dem geeigneten Erziehungsobjekt, — angeregt auch wohl durch die Mißerfolge, die Rabbi Israel und er selbst (im allgemeinen) beim Baalhabajit erlitten hatten, — wandte er sich dann an die Kinder. Im kurländischen Grobien entstand ein Internat, das Cheder und Jeschiwa zugleich sein sollte. Das war ein Versuch am untauglichen Objekt. Man nahm (und man nimmt in Keim leider heute wieder) acht- und zehnjährige Kinder aus gutbürgerlichen Häusern und versucht, sie zu Moralisten zu machen. Aber Kinder, die nicht wissen, was Sünde ist, können keine Umkehr tun. Es geht spurlos an ihnen vorüber, wenn man ihnen die ethische Gefahr von Gedankengängen veranschaulicht, die sie gamicht haben. Geradezu das Gegenteil der erwünschten Wirkung gar wird erreicht, wenn die Ermahnungen und Betrachtungen sich aufs sexuelle Gebiet ausdehnen. (Daß ein solcher Versuch überhaupt gewagt werden konnte, daß Hunderte von Kindern in dies Internat gegeben wurden, erklärt sich mit einem noch heute gültigen Motiv: der Ratlosigkeit orthodoxer Eltern der pädagogischen Frage gegenüber. Allzulange hatte das Gemeinwesen ihnen die Sorge für die Erziehung ihrer Kinder abgenommen. Vierjährige saßen acht, Sechsjährige zehn Stunden im Cheder und wurden da von selbst, was sie werden sollten: Abbilder ihrer Väter. Das war so selbstverständliches Ergebnis der Erziehung, daß die orthodoxe Welt dort sich noch heute nicht über den Schrecken beruhigt hat, den ihr eine Generation einjagte, in der dies Resultat plötzlich ausblieb.)