Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 365

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 365)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3486266-3486297--8816-3495196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

340 unmittelbare Einflußnahme des klassischen Gedankens auf die Taten des Heutigen. Mit der Anwendung solcher Methode ist aber auch eine Schwierigkeit überwunden, über die noch Rabbi Israel nicht hinwegkonnte. Er hat sich sein Lebtag vergeblich darum gemüht, schlicht fromm zu sein, einfach gut. Vergeblich; denn der einfache Mann kann das leicht, weil er einfach ist. Das Gehirn aber ist ein Hemmungsorgan. Der geistig stärkere Mensch muß es auf sich nehmen, eine gewisse, schwerer zu tragende, aber doch von Fall zu Fall besonders zu konstruierende Art von Gutsein zu üben; denn er fühlt nicht instinktiv und muß in all seine Taten Überlegung mischen. Rabbi Israel vergaß das zeitweise. Er vergaß, daß, wenn einer zwischen Würdigen und Unwürdigen unterscheiden kann, wenn einer es gelernt hat, Konsequenzen zu sehen, er viel schwerer einem Unwürdigen Liebe entgegenbringen, an Verstockte Mahnung zur Einkehr richten kann, als das einer tut, der heilig naiv, besessen blinder Ekstatiker ist. Rabbi Israel vergaß, daß jemand, der genau weiß, warum wirklich die Armen an seiner Tür Vorbeigehen, nicht, wie Rabbi Sundei, in aller Herzenseinfalt das Schloß ausbrechen kann. . . Rabbi Israel hatte den Lehrsatz aufgestellt: ״Es muß der Körper genau so instinktiv vor dem Verbotenen zurückschrecken wie vor dem Gefährlichen.“ so wie man vor dem Auto zur Seite springt und vor dem Feuer die Hand zurückzieht, so vor der Versuchung des Fleisches, dem Gelüst nach fremdem Eigentum. Ohne zu überlegen. Instinktiv. Das sollte aus den Mussarstunden erwachsen. Das war das Endziel. Rabbi Israels Schüler aber sahen, daß das in seiner zugespitzten Form auf die Abschaffung der freien Erkenntnis überhaupt hinzielen mußte. Sie wandelten deshalb Rabbi Israels mahnende Lehre in einen logischen Blickpunkt. Und sie bannten mit den Mitteln des Lernens selbst, die schlimmste Gefahr der Bewegung: daß nämlich der Talmudist mit allem dialektisch fertig werden kann, auch mit dem eigenen Gewissen. Sie wußten, daß es für Jünger von Jeschiwoth aussichtslos bleiben müsse, sich ums gedankenlose Schlichtsein zu mühen. Sie machten deshalb die Waffen der Dialektik dem Mussar dienstbar, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.