Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 366)
- Language
- German
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341 schon war ihnen die Rabulistik schlechtweg nicht mehr gefährlich; es kam eben darauf an, wozu man sie benutzte. Slobodka nutzte sie für den Mussar. Vertreten und gemacht bat in der letzten Generation all das der ״Alte“. Er hat mit dieser Talmndistik, mit dieser Dialektik, die für den Mussar gebraucht wurde, aus jungen unbändigen, hitzigen Menschen, präsumptiven Amerikafahrern und Chemieprofessoren, schlichte, fromme Juden geformt. Und er hielt sie alle, bis er vor etwa fünf Jahren in Jerusalem starb, mit seinen Botschaften an der Leine. Vom Alten wird gesagt, daß man ihn schon vor fünfzig Jahren, als er noch jung war, nicht anders als den ״Alten“ genannt hat Man kann ihn sich auch in der Tat nur mit dem jungenhaft roten und lebendigen Gesicht und dem unnatürlich langen weißen Bart denken. Von Rabbi Israel hatte er vor allem das Schweigen gelernt. Vielleicht auch ist die ehrfürchtige Spannung, die alle in seiner Nähe immer zur Schau trugen, daran Schuld gewesen, daß im Großteil der Zeit, die man bei ihm war, geschwiegen wurde. So oder so: es war still um ihn und das gab den wenigen Worten, die dann und wann doch fielen, ein eigenartig schweres Gewicht. Was er zu sagen pflegte, wenn jemand zu ihm kam, — das war so kurz und scharf und wohlüberlegt, daß es in einem durch Jahre nachhallen mußte. Ich glaube nicht, daß ich je wieder eines der Worte vergessen werde, die ich von ihm gehört habe. Dabei redete er absichtlich leise und undeutlich, immer wie im Selbstgespräch, bruchstückhaft, abrupt, in den Bart hinein. Aber er wußte, so abwesend er sieh auch gab, ganz genau, was um ihn herum vorging. Er spürte dich schon in seinem kleinen Zimmer, kaum, daß du die Klinke angerübrt hattest. Er sah dich schon an seinem Tisch sitzen, wenn du noch im Hausflur standest. Du drängtest dich dann zaghaft in den Türrahmen, und wenn du ganz deutlich hinhörtest, merktest du: er murmelt etwas vor sich hin. Was?