Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 358)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8809-3495189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
333 kann nicht, wenn es glaubt, daß seine Theorien das Judentum erhalten werden, Keim einfach dulden. Man muß einander zu überzeugen suchen. — (Wenn diese Menschen nicht hungern wurden, wenn sie Geld für Zeitschriften, Zusammenkünfte oder ähnliches hätten, sie würden wahrscheinlich ihre Zweikämpfe in großen Disputationen ausiechten, auf rein geistiger Basis. So wie die Dinge aber nun einmal liegen, sind ihre Kriege Eroberungskriege. Sie versuchen einander die Schüler und die Schulen abspenstig zu machen, sie versuchen die Tocbteranstalten des Gegenüber der eigenen geistigen Orientierung zu unterwerfen, sie begünstigen Revolutionen der Schüler gegen die Lehrer, sie schließen Bündnisse, sie führen einen hundertjährigen, zähen Krieg um Herzen von Jeschiwa-Bachurim.) Denn wo der Schüler Apostel ist, erwächst ihm ja ganz andere Bereitschaft zur Aktivität als dem ״Hörer“ und ״Studenten“. Er vertritt eine Weltanschauung, er setzt eine Idee durch, wenn er sich durchsetzt, — er fährt also durch die Städtchen und wirbt. Er gründet eigene Jeschiwoth, er redet mit Vätern und führt ihre Kinder seinem eigenen Rabbi zu, ja, er kann eigentlich nirgends einen vielversprechenden Jungen sehen, ohne daß er mit allen möglichen Mitteln versucht, ihn für seine Jeschiwa zu ergattern. Und der Endeffekt: er mehrt die Tora in Israel. Aber der Mussarstreit hat nicht nur den Typus des einzelnen Jeschiwaschülers und die Grundhaltung der ganzen Institution beeinflußt, seine Erfahrungen finden auch in den Details der einzelnen Jeschiwa-Einrichtungen deutlichen Niederschlag. Man prüft sehr sorgsam, bevor man einen aufnimmt. Man hat allen geldlichen Zusammenhang mit der Almosenfreudigkeit der Stadt gelöst, (das ״Täg-Essen“ aufgegeben) man läßt nicht jeden nach Gutdünken die Jeschiwa repräsentieren, man hat dafür Stufenleitern geschaffen, ein ausgebautes, mit Klassen oder Schülerkreisen abgegrenztes System, man hat alle Möglichkeiten zur Beobachtung jedes Schülers ausgeschöpft, bestimmte Stundenpläne geschaffen, Zwischenprüfungen, Kontrolle durch Gefährten und Quartiernachbam. Jeschiwoth von vor sechzig Jahren, Orte halb zufälliger Zusammenkunft, neutral und unpersönlich im höchsten Grad, sind internatsähnliche Institute geworden.