Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 357)
- Language
- German
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332 Mittelpunkt verhielt, das gab ihm von jetzt ab sein Gewicht, ließ ihn sich eioordnen und stellte für die Glieder untereinander den Zusammenhang her. So wird der Rabbi viel mehr dazugehörig, als er es je vorher in Jeschiwoth gewesen ist. Denn mit rein abstraktem Zentrum ist die wirkliche Gemeinschaft nicht denkbar. Sie verlangt nach konkretem, nach Persönlichkeits-Mittelpunkt. Und: bei solcher Form der Jeschiwa, auch wenn sie garnicht. auf dem Mussar gegründet wäre, ist es mit der wissensmäßigen Bedeutung des Rabbi allein nicht mehr getan. Wo zu ihm gehören heißt: zu allen anderen, zur Stadt, zur Umgebung, zur Herkunft nicht gehören, wo man nur ganz und gar oder überhaupt nicht in seinen Kreis eintauchen kann, — da muß er auch den Menschen formen und formen dürfen. Deshalb ist in den Mussarjescbiwoth immer derjenige Rabbi der eigentliche Träger der Institution gewesen* der nicht als Gaon und Halachalehrer, sondern als Mussar- Interpret vom Menschen zum Menschen wirkte. (Ein Umstand übrigens, der von Verständnislosen viel gerügt worden ist.) Deshalb auch ist nirgends die Einmischung in allerpersönlichste Angelegenheiten des Bachur so dazugehörig und so willig ertragen, wie in den Mussarjescbiwoth. Sie haben aufgehört allein das zu sein, was alle Jeschiwoth bis Woloschin hauptsächlich waren: Volkshochschule. Sie sind, wie sie selbst es ausdrücken, ״Menschwerdungsanstalten“ geworden. Man tritt in sie ein, um eine Personifikation ihrer Idee, ihrer Anschau־ ung, ein Abbild des Rabbi im Kleinen, aber in allem, zu werden. Man ist als ihr Schüler sein Leben lang kenntlich. Seit sie existieren, gibt es nicht um so und so viel tausend Toralerner mehr, sondern: so und so viel tausend Vertreter bestimmter Typs, Slobodkaer, Kelmer, Radiner, Telscher, Nawardoker. Früher pflegte einer von sich zu sagen: ich habe in Woloschin gelernt. Heute sagt man: Ich bin ein Nawardoker. Wo aber ausgesprochene Meinung ist, wo Weltanschauung und nicht nur Wissen gegeben wird, erwächst aus dem Schüler natürlich leicht der Apostel. Damit erklärt sich das Faktum der Jeschiwakriege, der Kampf der Lehrrichtungen gegeneinander. Nach allem, was bisher gesagt worden ist, erscheint verständlich, warum es sie geben muß. Slobodka kann nicht Radin einfach tolerieren, wenn es sich selbst wirklich ernst nimmt. Und Radin