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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 348

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 348)
Language
German
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323 aber der Rahmen, in dem er sich wandeln zn können glaubte, war schon gespannt, und verführte ihn der Massargedanke dazu, gegen die Grenzen seines Alltags anzugehen, mußte er unglücklich werden, als eigenbrötlerischer Frömmler verschrieen und an sich selbst irre. Denn es stand ja um die Leute, die Rabbi Israel gewinnen wollte, wesentlich anders als um ihn selbst. Sie hatten die Konturen ihrer Persönlichkeit, ihrer Stellung und ihres Tuns schon gezeichnet, als sie vom Mnssar erfuhren, während Rabbi Israel ins Leben erst trat, nachdem Mussar ihm vorher den Weg gewiesen hatte. Prägnanten Ausdruck findet diese Schwierigkeit in einem Brief, den Rabbi Israel später einem Freunde schickt, der sich einfach schämt, in die Mussarklaus zu gehen. Der Mann ist ein Gelehrter, aber, er * schreibt doch: ״Viele haben schon so getan wie der Rabbi und es ist dabei nichts herausgekommen als Skandal. Auch fürchte ich mich, eines Titels Schmuck mir anzumaßen, der mir nicht zusteht.“ Und Rabbi Israel antwortet: »Die Welt irrt, wenn sie meint, daß das Lernen in der Mussarklaus irgendeine gesteigerte Frömmigkeit sei, wenn sie den Leuten, die in die Klaus gehen, hinterherflüstert: wie kommt gerade d er dazu, sich so fromm zu tun? Nicht so ist es, Bruder. Mussarlemen ist kein Titel und kein Schmuck, sondern eine Notwendigkeit. Wer krank ist und geschlagen mit Sünden und Fehl, muß dort hin gehen, vielleicht wird er Heilung finden, vielleicht wird er seinen Trieb zum Guten hinbiegen.“ Zwanzig Jahre lang hat Rabbi Israel versucht, gegen diesen Umstand, gegen das Eingesponnensein des Baalhabajit, anzugehen. Alle Energien und alle Argumente seines Geistes und seines Beispiels hat er dafür eingesetzt. Er ist dabei zu Zeiten despotisch gewesen und hat, beispielsweise, in Kowno niemanden eine Kanzel betreten lassen, der seine Rede nicht erst ihm vorgelegt und auf den Mussargedanken zugespitzt hatte. Er hat zu Zeiten die Fehlerquelle in der eigenen Unvollkommenheit gesehen und sich vollkommen zurückgezogen, Monate einsam in den Bergen jenseits der Wilja verbracht. Er hat es dann wieder mit den Anrufen von den Kanzeln der Städtchen her versucht, er hat zur Verbreitung des Gedankens in Memel eine eigene Mussarzeitschrift herausgegeben und redigiert, aber schließlich hat er — resigniert. 21*

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