Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 347)
- Language
- German
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322 Zunächst nichts, als die persönliche Vornahme. Zunächst nichts, als die Heilung eines Seelenschadens, um den nur jener Bescheid weiß, der unter seinen Schmerzen in die Klaus gegangen war. Für den Alltag entsteht daraus eine Art von latentem Schuldbewußtsein, manchmal unterbrochen vom Anlauf zur einmalig endgültigen Umkehr, manchmal in der letzten Minute eine dem Mussar zuwiderlaufende Tat zurückhaltend, eindämmend. Im großen Ganzen aber gibt die Mussarklaus doch mehr ein Bewußtsein als ein Sein. Es war Rabbi Israel nämlich bei ihrer Errichtung ein Rechenfehler unterlaufen, der erst sehr spät deutlich wurde und dann den Wendepunkt der Mussarbewegung kat exochen bedingte. Er hatte von der Wirkung des Mussar, wie er selbst sie empfand, davon, wie sie an einem allem Berufsleben fernen, rabbinischen Menschen gestalten konnte, apostrophiert auf Leute, die auch noch andere Berufe hatten als: Mensch sein, sich ums eigene Menschtum mühen. Bei Rabbi Israel, bei seinen nächsten Schülern war die Konsequenz aus den Stunden des Mussarlernens selbstverständlich die, daß von nun an und weiter sie nichts Dringlicheres zu tun haben würden, als die erkannten Moralschäden beheben. Ihr Tagesprogramm lag frei vor ihnen, sie würden, um ein krasses Beispiel zu nennen, sobald sie gemerkt hatten, daß sie zu viel redeten, sich vornehmen, zwei Tage lang oder noch mehr zu schweigen. Sie würden, wenn sie von einem Gelehrten hörten, daß er ihnen etwas zu geben vermöchte, noch heute aufstehen und zu ihm wandern. Kurz, sie disponierten über ihren Alltag nach den Erkenntnissen der Mussarklaus, uneingegrenzt und frei. Der Mann aber, um den es Rabbi Israel ging, der ״man of the Street“, der Baalhabajit, der, an dessen alltäglichem Gebaren so besonders deutlich wurde, wie notwendig eine Regeneration der ethischen Kräfte in der Judenheit war, gerade dieser einfache Mann disponierte nur innerhalb bestimmter, von vornherein gezogener Grenzen über seinen Alltag. Er konnte die Konsequenz der Mussarklaus sich nicht bis ins letzte auswachsen lassen, ja er faßte deshalb von vornherein diese letzte Konsequenz garnicht ins Auge. So ist, was von der Mussarklaus her am Baalhabajit geleistet wurde, Stückwerk geblieben. Dieser und jener stahl sich dann und wann hinein und erlebte den Schrecken über sich selbst,