Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 345)
- Language
- German
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320 über die Demütigung und schlecht wie je zuvor. Du weißt, daß es aus der Erkenntnis deiner eigenen Sündhaftigkeit, wie aus aller Seelennot, wie aus aller Not der Welt, aller Not der Gemeinschalt und des Galuth einen Ausweg gibt: Tschuwa, die Umkehr. Umkehr ist Heimweh der Seele. Man muß es fühlen. Man muß es lernen, sich weit weg von der Heimat, weit fort zu wissen vom Ursprung der Seele und ihrer Bestimmung und grenzenlos traurig zu sein über diese Entfernung. Hast du das Ich in die Ecke gejagt, gesehen, wie klein, wie verwundbar, nichtig es sich verkriecht und wie leer nun der Raum in dir ist, den es bisher augefüllt hat, dich zu Taten und Geschäften und selbstbewußtem Verrichten antreibend, gähnt in dir das Vakuum, das zurückbleibt, wenn dein aufgeblasenes Ich zur schlaf־ fen, rilligen, winzigen Hülle zusammengefallen ist, — dann erfaßt dich die ganze Trauer über den Abgrund zwischen Ziel und Wirkliehkeit, zwischen Mensch-sein und Mensch-Scheinen; dann fängst du an, leise zu jammern. Andere sind inzwischen ins Zimmer bei der Uhrmacherklaus getreten, andere waren schon vor dir da, alle gehen denselben Weg vom selbstbewußten, selbsterfüllten Menschen der Gasse über schlichte, unverblümte, zurechtweisende Rede zu kleinen, ihr Ziel immer wieder verfehlenden, allzumenschlichen Menschen. Und alle, denen der Schein zusammengeschrumpft ist auf die schäbige Wirklichkeit wie ein Gasballon, aus dem die Luft entweicht, — alle, die das traurige Heimweh der Seele ergriffen hat, fangen an zu seufzen, zu weinen, still zu träumen, zu denken: wie weit weg bin ich von zu Haus und wie treulos, wie schlecht, daß ich garnicht, daß ich erst jetzt daran denke. Langsam vereinsamen sie alle, die da im Halbdunkel über ihren Ständern lehnen. Es entgleitet ihnen, was sie noch eben in der Hand hatten: Stützen an Geld und Würde, Halt von Familie und Stellung, Wurzel von Boden und Heimatstadt. Je weiter sie sich innerlich von der Scheinwirklichkeit ihres Tages entfernen, um so kleiner werden sie. So armselige Bettler, so sehr Ruinen ihrer selbst fühlen sie sich, daß sie, wie um sich Luft zu machen, — weinen. Weinen um Erbarmen. Aus Mitleid mit sich selbst. Weinen, wie ein Armer am Abend des Tages, an dem er zum erstenmal die Hand nach Brot hat ausstrecken müssen.