Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 335)
- Language
- German
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äiö fand und gar eins, das aus dem Lebenshabitus, den man bisher gehabt hatte, herausrief, dann ist das an sich verwunderlich. Auch wenn man hinzurechnet, daß er für einen Gaon galt, wird die Erscheinung nicht verständlicher; denn es fehlten dieser Zeit die Gaonim nicht und es gehörte, wenn sie wirklich beachtet werden wollten, doch dazu, daß sie Alter und Amt und typisch gaonischen Wirkungskreis, viele Schüler oder viele Ratsuchende hatten. All das aber besaß Rabbi Israel weder zu Anfang noch später in einem Maße, das hinreichend erklären könnte, wie überhaupt er sich die Beachtung der kritischen litauischen Öffentlichkeit schuf. Deshalb ist die Erklärung hierfür sicher zunächst in der Wesensart seines Anrufes zu suchen. Er appellierte an Impulse, die vorhanden und kaum je vorher direkt angesprochen worden waren. Der Mangel an Großzügigkeit in der litauischen Landschaft, im litauischen Menschen, das Fehlen aller Begabung zur Nonchalance, zum Stegreifdasein, ja zur romantischen Naivität, — all das waren akustische Lote, die Rabbi Israels Anrede hundertfach vervielfältigt zurückschallen ließen. Mit dem Wort rechnen und rechten, den Schritt wägen, dem eigenen Ich die Zügel nicht schleifen lassen, — das waren Dinge, die jeder Litauer sofort erfaßte, weil sie zu seinem Wesen gehörten; er brauchte sie nur von den Bezirken, in denen sie schon geübt wurden, auf jenes übertragen, in das Rabbi Israel sie verlegt haben wollte. So ist Rabbi Israel mit den Forderungen seiner Idee durch die litauischen Städtchen wie einer gegangen, den man ״verstand“. Nicht wie ein Religionsstifter, der mit seinem Elan fortriß, sondern wie einer, der ״Recht hat“, dem man nur ein wenig zuzuhören braucht, um einzusehen: es stimmt, was er sagt. Gerade diese Art der Wirkung aber hatte natürlich ihre Gefahren. Denn so erschien Mussar weniger ein kategorisches Bekenntnis als: eine Anschauung, eine Meinung, oder (was keine Konfession je ertragen kann) ein ... Standpunkt. Viele haben Rabbi Israel so mißverstanden. Vor allem die Aufklärer. Sie sahen nicht, daß es hier um einen ganzen Menschen, einen bis ins letzte aus. gefochtenen Kampf, eine Wesens Wandlung von Grund her ging, und erblickten in den Ausflüssen, dem Echo, das Unwesentlichste: die ״Meinung“. Mit einer Meinung aber, so glaubten sie, ließe sich paktieren. Bekenntnisse, das war ihnen klar, wissen nichts von