Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 330)
- Language
- German
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305 die Vornahme, die Reue, das Gelöbnis, alles, alles kam über den Mussarbüchern wieder. Aber nicht nur für Rabbi Israel selbst werden diese zwei Worte ״Lerne Mussar!“ von zentraler Bedeutung, sie werden es auch für die ganze Bewegung. Denn sie ist ja, wie jede ethische Bemühung, immer und überall Antipode des unüberlegten Dahinlebens. Es hätte für sie die von allen ähnlichen Bestrebungen genutzte Möglichkeit gegeben, Reglements gegen den Instinkt aufzustellen, Zaun ums Gesetz, Vorsichtsmaßnahmen. Aber das wäre eine starre, sektiererische — und vor allem eine nicht aus dem einzelnen Individuum erfließende — Regelung gewesen. Mit Rabbi Sundeis ״Lerne Mussar“ aber war ein anderes, eigenartig neues Mittel gegen das instinktgemäße Handeln gegeben, — das Erschrekken. Es hieß, sich mitten im lethargischen, mechanischen, gewohnten, von keiner Gedankeninstanz kontrollierten Tun — unterbrechen. Es wurde mit diesem ״Schreck״ plötzlich die nächste Bewegung, die nächste Handlung, die sonst ohne Bedenken und Hemmung geschehen wäre, fraglich, geprüft, abgewogen. Es wurden Logik und Erinnerung an die Toraverpflichtung als sondernde lnstanz in den instinktgemäßen Tatenablauf eingeschaltet. Allerdings: die prinzipielle Forderung ״Lerne Mussar“ allein, losgelöst von dem persönlichen Sinn, den sie für Rabbi Israel hatte, wäre vollkommen wirkungslos geblieben; Mussarbücher hat man vorher und nachher und ohne Rabbi Sundei schon gelernt; unsere Moralliteratar ist so alt wie unsere Moral. Ohne den persönlichen Sinn, den Rabbi Israel der Forderung unterlegen konnte, — das ״zweite Gesicht“ der ganzen Bewegung — hätte er mit dieser Parole nie eine Masse erobern können. Denn als Sentenz genommen bedeutete sie fast nichts; sie hätte so verstanden werden müssen, wie immer vorher, als Aufforderung zu einem Studium, als Hinweis auf jenen Teil unseres Schrifttums, in dem davon die Rede ist, wie wir uns in ethischen Fragen zu verhalten haben. Niemand hätte darin etwas Neues, Zentrales sehen können, und alle hätten es als Ratschlag abgelehnt; denn die Wirkung der Mussarbücher auf ihre Leser war ja seit je erprobt und für gut, aber nicht für entscheidend, erkannt worden. Allein die Nüance, klein aber wesentlich, die Rabbi Israel fand und die in dem Vorsatz bestand, mit dem er an die Mussar- 20 Jahrbuch der J. L. G. XXU.