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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 329

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 329)
Language
German
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304 Erlebnis zu verblassen drohte, greift Rabbi Sundei ein. Er tut das mit den paar Worten, die wir die ״Berufung“ von Rabbi Israel nennen dürfen. Zu jener Zeit nämlich folgt Rabbi Israel einmal von weitem Rabbi Sundei, wie er aufs Feld hinausgeht, um mit sich allein zu sein, um die Impulse für die Gestaltung an sich selbst zu bekommen, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Rabbi Sundei steht da irgendwo an einem Zaun und weint und geht gegen sich mit einzelnen abgerissenen Worten an. Rabbi Israel ist nahe herangekommen und sieht, was jeder andere auch gesehen hätte: Kampf, nicht Lösung. Da dreht sich Rabbi Sundei zu ihm hin und sagt: ״Lerne Mussar, Israel!“ Diese Worte, J30 hat Rabbi Israel später gesagt, sind in mich eingegangen wie ein Pfeil; Rabbi Israel selbst und seine Schüler nennen sie die für die ganze Mussarbewegung entscheidenden. Sie sind es auch, so einfach und simpel sie scheinen, wirklieh gewesen. Sie hören sich an wie ein guter Ratschlag, nicht wie eine Botschaft. Sie besagen jedem, der sie ohne alle Prädis- Position hört, fast nichts. Daß sie gar ein Übel heilen könnten, daß sie Rabbi Israel mit einem Schlage aus seiner Rot halfen, läßt sich kaum hinter ihnen vermuten. Und doch ist es so gewesen. Denn dies ״Lerne Mussar!“ hieß: du brauchst nicht über das Verblassen des entscheidenden Erlebnisses zu verzweifeln. Es kommt wieder. Es läßt sich je und je über *den Mussarbüchern wieder holen. Damit war Rabbi Israel geholfen; damit und damit allein war die Mussarbewegung geschaffen. Für Rabbi Israel persönlich bedeutete es: Es war einmal das glückhaft schmerzliche Erlebnis der besinnenden Schau eingetreten, es war entscheidend geworden, es saß in allen Gliedern. Trotzdem ging der Alltag darüber hin und es fragte sich, wie bekomme ich jene Minute wieder, wie schaffe ich mir eine Institution, die mir Gewähr leistet, daß ich noch einmal und immer wieder das Glück und den Schmerz und die Entschlußkraft jener Stunde durchleben kann. Diese Institution, von der Selbstbesinnung geboren und sie immer wieder von neuem abgebend, war das Mussarlemen. Rabbi Israel begann es zu üben und sah: so war es, der Schreck, die Besinnung, der Schmerz,

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