Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 327)
- Language
- German
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302 Erst der Seitenblick au! ßabbi Sundei zeigte, daß es sie doch gab, daß 80 selbstverständlich und konfliktlos geebnet wie man den Weg des Heute und Übermorgen sich gedacht hatte, er doch nicht war. Denn ßabbi Sundei war den eigentlichen Weg der Tora zu Ende gegangen und doch schien ihm alles, — am meisten er selbst — problematisch. Ja mehr noch, man sah daran, wie schwer noch ihm es wurde, sich immer wieder unter die Botmäßigkeit der Tora zu beugen, daß — — man selbst die Tora zu sich herangebogen hatte, daß es einem nur deshalb so leicht war, scheinbar fromm und gerecht zu sein, weil man in den Stoff sich selbst hineingegeistert und ihn nach dem eigenen Wesen gemodelt hatte und nicht: von ihm sieh wirklich dirigieren ließ. Das erste, woran ßabbi Israel das, seinen Berichten nach, erkennt, ist der Pilpul. Er sieht, daß man im Beth-Hamidrasch sich selbst, seine eigenen Einfälle, ja auch die persönliche Ambition zu glänzen, in das tagtägliche Lernen hineinfügt und er beschließt, sich vom Pilpul abzuwenden. Aber das genügt nicht und es ist nur ein halber Schritt Es hat seinen Sinn nur, wenn man zugibt, daß es überhaupt möglich ist, mit der Tora und mit dem Lernen Gehalte zu verbinden, die dem eigentlichen Ziel des Gottesgebotes zuwiderlaufen. Den Pilpul ablehnen ist nur dann berechtigt, wenn man, wie ßabbi Sundei, diesen Argwohn gegen die eigene Ambition auch auf alles andere ausdehnt, wenn man, wie er, das Ziel, die allerletzten Konsequenzen der Tora vor Augen hat und nicht, wie das Beth-Hamidrasch von Salant, nur den Schritt, den man eben heute im Bereich der Tora tut Und wie ßabbi Israel das erkennt, wie er sieht, daß ßabbi Sundei nicht ein paar Absonderlichkeiten von der Umwelt trennen, nicht ein paar Übersteigerungen, sondern der aufs ganze Ziel, die Totalität der Torabotmäßigkeit gerichtete Blick, wie ßabbi Israel sieht, daß dies und nur dies allein auch von ihm verlangt wird, wenn er schon im Beth-Hamidrasch sitzt und wenn er schon die Tora leben will, wie er plötzlich erfährt, daß die Willensrichtung von ßabbi Sundei die einzig mögliche Konsequenz der Absicht fromm zu sein ist — da überblickt ßabbi Israel was er bisher zu tun gewohnt war, und welche Orientierung all das hat, was ihm an Gewohnheit und überkommener Gedankenlosigkeit anhaftet•