Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 326)
- Language
- German
- Belongs to
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301 Die einfachen Leute, wie gesagt, berichten nur dies wie ein Wundermärchen. Aber die im Beth-Hamidrasch lernen, erkennen dahinter die Grundhaltung, den Menschen, der nicht nnr gut nnd nicht nur wohltätig ist, sondern Energien dafür aulbietet, es zn sein und sein zu können. Und die im Beth-Hamidrasch lernen, wissen, daß Rabbi Sundei nicht nur für jedes Ding, das ihm von Gott geboten, aber von seinem Herzen noch nicht erreicht scheint, alle materiellen Positionen der Welt hingeben kann, sie wissen auch, daß seine Nächstenliebe, seine Güte, seine Zuversichtlichkeit, seine jeden kleinsten Ausspruch der Weisen als verpflichtendes Gebot nehmende Frömmigkeit ihm nicht von der Natur geschenkt, angeboren und zu seinem Wesen gehörig sind, sondern: erarbeitet. Denn alle, die ihn aus der Nähe kennen, sehen ihn jeden Tag ein paar Stunden die Gemara zumachen und sich der Mühe um sein eigenes Ich widmen. Manchmal schließt Rabbi Bündel sich dazu ein, manchmal hört man ihn die ganze Freitagnacht hindurch laut gegen sich angehen, manchmal findet man ihn auf dem Feld, oft schon ist man ihm begegnet, wie er auf dem Kutschbock saß und vor sich hindonnerte: ״Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest?“ Mit solchem Vorbild legt Rabbi Bündel in den jungen Menschen des Beth-Hamidrasch von Salant die Gmndfeste für die Mussarbewegung: die Selbstunsicherheit. (Alles kann später der Mussar in seinen verschiedenen Varianten vertragen, nur nirgends dies: die Selbstzufriedenheit.) Es genügt ein Blick auf Rabbi Bundei, um alles, was man im Beth-Hamidrasch tut und für später zu tun gewillt ist, in Frage zu stellen. Es schien sehr einfach: man würde lernen, 80 unablässig und so viel wie alle, denen das Bild vom Wilnaer Gaon im Blute saß, man würde in seinen eigenen Grenzen ein Gaon werden, einen Posten in der Front einnehmen, die die Rabbinen seit je gegen Umwelt und Masse und Unwissenheit gebildet hatten, man würde das gedankliche Feld ein bißchen erweitern, eigene Pilpulim veröffentlichen, sie vielleicht selbst einmal lehrend jungen Leuten weitergeben dürfen_Mehr ließ sich vom Gernaraständer her nicht erreichen, höher hinaus ging kein Traum, das füllte den Menschen, die Gegenwart und die Zukunft. War man ein Gaon, ja war man auch nur ein ״Lemer“, konnte es keine Problematik mehr geben.