Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 325)
- Language
- German
- Belongs to
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3ÖÖ Tag um Tag neue Impulse verlangt und schöpferisch wird. Man sieht im Städtchen: Derselbe ßabbi Sundei, dem es keiner Handiangung wert scheint, sich und seiner Familie zu essen zu schalfen, umdienert seine Mutter, wie ein Page seine Fürstin. (Eines Abends kommt er erst spät nach Hause und will sich schon schlafen legen, da fällt ihm ein, daß er ja den ganzen Tag über keine Gelegenheit gehabt hat, der Mutter Liebe zu erweisen und es steht doch: ״Ehre deinen Vater und deine Mutter“. — Jetzt allerdings, nachts, ist es zu spät. Er kann ihr nichts mehr kochen, nicht mehr ihr Bett herrichten, sie schläft schon. Er sinnt und sinnt, wie er seiner Mutter Ehre antun könnte, und geht schließlieh hinaus auf die vom Herbstregen durchweichte Gasse, sucht Steine zusammen, häuft sie und reiht sie zu einem Pflastergang, der von seinem Haus ins Beth-Hamidrasch führt, aneinander. Damit die Mutter, wenn sie am anderen Morgen aufsteht, auf trockenen» Weg ins Bethaus gehen kann.) Dies ist denn auch das entscheidende Kriterium an Rahbi Sundei und spricht uns aus den wenigen Briefen, die wir von ihm besitzen, am deutlichsten an: daß er mehr und andere, als nur rein gedankliche Energien für die Tora aufgewendet wissen will. Dem Gewicht dieser Einsicht gegenüber ist dann fast bedeutungslos, was von ihren praktischen Ausflüssen man sieht. Die einfachen Leute erzählen sich natürlich nur dies. Sie berichten, daß Rahbi Sundei einmal bemerkte, wie die Armen, die sich von Tür zu Tür schleppen und Brotreste und abgegriffene Kopeckenstücke bekommen, an seinem, Rabbi Sundeis Haus, vorbeigehen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, daß Rabbi Sundei selbst hungert. Aber e r kommt gerade auf diesen Gedanken zu allerletzt. Er würde natürlich und ohne zu überlegen jedem Bittenden das geben, was er gerade in der Hand hat, was im Hause ist, was er auf dem Leibe trägt, — er kann sich also nicht denken, daß man, weil er für arm gilt, ihn nicht anbettelt. Es muß irgend einen anderen, greifbaren Grund haben. Rabbi Snndel überlegt und findet endlich: seine Haustür klinkt schlecht. Das Schloß sitzt manchmal so fest, daß man meinen könnte, es wäre abgeriegelt und niemand in der Wohnung. Deshalb geht Rabbi Sundei hin und schneidet das Schloß aus dem Türrahmen und öffnet ein für allemal das Haus allen Straßenpassanten. ...