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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 322

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 322)
Language
German
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IRI
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291 Stähle nebeneinander und bliekten alle, — vier, fünf zugleich — auf die Spalten. Einer begann dann jaut zu lesen, den Daumen der geschlossenen Faust hielt er dabei nach oben und unterstrich die Satzwendungen und Cäsuren, der Finger tanzte auf und ab. Dann fielen ihm die anderen in die Rede, irgendwer gab eine Erläuterung, der Mann, der vorgelesen hatte, schlug mit der flachen Hand aufs Blatt und stritt ab, kurz darauf waren alle Stühle nach hinten geschoben und alle Köpfe lagen dicht nebeneinander über dem Tisch, Finger fuhren in Feuilletonspalten hin und her, bestritten, intonierten von neuem, man holte das Blatt von voriger Woche heran, man diskutierte, nein, ergründete jedes Komma.) Worte haben dort ihr schweres Gewicht; es muß ein Gedanke, eine Haltung hinter ihnen stehen. Man sagt nicht ״einfach so“ und von seiner Stimmung her etwas hin. Die Sprache ist weit weniger als etwa die polnische mit Floskeln gespickt, man greift nicht zu feststehenden Redewendungen, man drückt sich stets ad hoc aus. (Kein Land bietet dem Philologen der jiddischen Folklore so wenig Material wie Litauen.) Man möchte die Menschen beinahe ״sachlich“ nennen, wenn man nicht eben wüßte, daß nicht die knappe Gebundenheit an den Zweck ihnen diese Haltung, diese Redeweise, diese Lebensart gegeben hat. Aber soweit es das Verhältnis der Menschen untereinander angeht, trifft der Ausdruck vielleicht doch zu. Denn hier hält man jene Distanz zueinander, die vom Grad des sachlichen Angewiesenseins, der aus der Materie her gegebenen Zusammengehörigkeit, bestimmt und begrenzt wird. Menschen, die dort so überschwänglich wie die Chassidimrabbis es uns gelehrt haben, den wildfremden, sündigen Bettler um garnichts anderes lieben, als weil er ein Bruder Jude ist, — solche Menschen wirken in Litauen fremd. Man bemüht dort kein Gefühl ohne Voraussetzung, ins Leere hinein. Man wertet erst und begegnet einander mit der Selbstachtung und Reserviertheit, die als Konsequenz aus der gegenseitigen Kritik erwächst. Zugespitzt findet all das natürlich im Beth-Hamidrasch seinen Ausdruck. Die Kasteneinteilung der Stadt, die Gewichtigkeit des Wortes, die Verpflichtung dazu, es mit dem ganzen Menschen zu decken, spiegeln sich hier hundertfältig wider. Und Rabbi Israel, der dort sitzt, dem es beschert ist, in dies Milieu gestaltend einzugreifen, wird aus sich und kann aus seinem Echo heraus im

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