Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 321)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8772-3495152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
296 harmonischen, beinahe möchte man sagen: parkähnlichen Landschäften. Da haben die Wälder ihr natürliches, gebändigtes Maß. Sie sind groß genug, als daß man sie wie Wälder empfindet, aber doch nicht so groß, daß sie undurchdringliches Versteck für Geheimnisse und Geister und Wölfe und sagenhafte Schlösser wären, wie etwa die Wälder in Polen und Wolhynien. Hier sind die Städtchen und Dörfer übersichtlich, die Güter der kleinen Grafen an den Fingern abzuzählen, überblickbarer, nicht allzu üppiger Besitz. Da gibt es keine phantastischen Aufstiege von Hofjuden und glückliche Käufe von riesigen Ernteerträgen — es ist alles im vornhinein begrenzt, noch die allerbeste Chance kühl zu errechnen. Hier traben die Bauern nur mäßig betrunken Sonntags von der Schenke zurück in einsame, nicht allzu schmutzige Katen, — kaum sieht man sie dann die Woche über noch im Städtchen. Sie arbeiten, nicht allzu stetig aber doch, sie beten, nicht sehr verzückt, aber pünktlich, sie beschenken den Popen, jedoch mit Maß. Die Juden hier also wären, besäßen sie hochgradige Impulsivität, fehl am Platz. Es ist wenig Raum für Exkursionen ins Romantische. Es gibt kein Gebirge und keine breite Wolga, die Hügelchen haben ihr festgesetztes Höchstmaß, die Flüsse sind schmal und die Seen noch nie einem gefährlich geworden. Der Mensch dort, der Bauer wie der Jude, schwätzt nicht traumselig, er singt nur selten und wenig musikalisch, es gibt dort keine Stuben, wo, wie in Wolhynien, soviel Fiedeln an der Wand hängen als erwachsene Juden im Haus sind. An den Wänden stehen dort vielmehr schmale Bücherborte. Man ist nicht reich genug, sie mit seltenen und weitab liegenden Werken zu beladen, man hat aber auch gar keine allzu große Lust aufs Büchersammeln. Einen Band besitzen um ihn zu ״haben“, um gelegentlich davon schlecken zu können, das lockt diese Menschen nicht. Gedruckter Text ist nicht ein Tisch voll Kostbarkeiten, an dem manAuslese halten kann, sondern Arbeitsfeld, langsam, schwer zu durchackern; jedes Fleckchen dort muß man kennen, jedes Steinehen hundertmal hin und her gewendet haben. (Es steht mir unvergeßlich in der Erinnerung, wie man dort noch vor ein paar Jahren das orthodoxe Blättchen, wenn es am Freitag mittag in die Häuser kam, zu behandeln pflegte. Man räumte den Tisch ab, breitete die Seiten aus, die Männer rückten sich im Halbkreis