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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1931-01-01 · XXII = 1931/32 (1931-1932) · page 319

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXII = 1931/32 (1931-1932)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 319)
Language
German
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m bei uns zwischen der Beachtung der einen und der anderen Verbote besteht, zwischen denen, die zu übertreten den sogenannten frommen Juden die Lust nicht mehr ankommt und den anderen, für die er noch nicht genügend innere Widerstandskraft gezüchtet hat. Mussar sieht den jüdischen Menschen gleichsam auf halbem Wege stehengeblieben. Er hat, durch sein Erbe oder durch seine Umgebung, die Versuchung, verbotene Speisen zu essen, bestimmte Gedenktage nicht zu begehen, vollkommen niedergekämpft, sie existiert für ihn nicht. Die Gewohnheit hat bestimmte Vergehen im vornhinein ausgeschaltet, er kommt garnicht in Konflikt mit ihnen; andere aber, nicht minder schwere, an die sein Instinkt ihn noch immer heranführt, begeht er. Er redet sich zu unrecht ein, er sei fromm. Er ist es nur dort, wo er verlernt hat, unfromm zu sein. Mussar will den Weg zu Ende gegangen wissen. Es will, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, den Widerstand des Wilnaer Juden dagegen, auf seinen Ladenkonkurrenten neidisch und böse zu sein, ebenso stark machen, wie es sein Widerstand dagegen, am Sabbat den Laden zu öffnen, schon ist. Und Mussar glaubt: Das eine läßt sich so wie das andere zu instinktmäßig automatischer Funktion machen. Unter dem Gottesgebot ist eine Ursprungliehe Veranlagung umgebogen, eine in der Natur liegende Versuchung entkräftet worden, wenn dieser Jude es auf sich nahm, den Sabbat zu hüten. Genau so muß es sich erreichen lassen, daß er, unter der Botmäßigkeit des Gottesgesetzes, auch den Trieb, zornig und böse zu werden, umbiegt, ausschaltet, wie nie gewesen macht. Mit dieser Theorie ist die Geschichte der Mussarbewegung von ihrer Geburt an vorgezeichnet. Sie kommt nicht, irgendetwas am Gesetz ändern. Sie bleibt im rabbinischen Kreis. Sie geht nicht gegen diese oder jene Praxis, gegen diese oder jene An- Behauung an; sie hat es mit den Instinkten des einzelnen Menschen zu tun. Sie kann und wird nichts proklamieren, was nicht zuletzt im Bezirk des Individuums, nach seinen Maßstäben und im Kräftemessen mit seinen inneren Widerständen, sich entscheidet. Deshalb wird das eigentliche Schwergewicht der Bewegung, hier wie selten wo anders, das personelle Erlebnis bleiben. Sie

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