Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 295)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8746-3495126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
270 daß seine Gattin darauf drängte und es auch durchsetzte, daß an der Schule zu Gudensberg schon 1834 ein zweiter Lehrer angestellt wurde. In späteren Jahren zog sich Rabbiner Wetzlar von seiner Tätigkeit an der Schule gänzlich zurück. Ich würde mich übrigens mit Recht in den Verdacht der Parteilichkeit bringen, wollte ich in diesen Erinnerungen an einen teueren, unvergeßlichen Freund nur dessen Vorzüge hervorheben und nicht auch der Schwächen gedenken, die er, wie alle Meuschen, besaß. Es ist dies schon darum nicht überflüssig, weil diese Mängel nicht ohne Einfluß auf seinen äußeren Lebensgang geblieben sind und manches Auffällige darin erklären. Glücklicherweise sind es auch nur solche, welche das hehre Bild seines Charakters nicht trüben und eher noch zum Ruhme ihm gereichen, als die Berecbtigung zu einem abfälligen Urteil zulassen könnten. So hatte Rabbi Mordechai Wetzlar ein schweres Organ und vermochte nicht alle Worte geläufig und präzis auszusprechen; ja sogar in der Aussprache des Hebräischen, dessen er doch Meister war, verwechselte er Buchstaben oder Vokale mit einander, und beim Vorlesen von Psalmen oder Haftaras kamen hin und wieder Verstöße gegen die hebräische Grammatik vor, obwohl er doch ein zierliches und korrektes Hebräisch schrieb und sein Briefstil ein klassischer war. Auch seine mündliche Unterhaltung hatte daher etwas Schwerfälliges und, wer nach ihr seine Fähigkeit beurteilt hätte, der müßte sie verkennen. Dieser Fatalität hätte eine aufmerksame pädagogische Behandlung in seiner Jugend gewiß abhelfen hönnen; allein einer solchen hatte er, wie erwähnt, Unglücklicherweise gänzlich entbehren müssen. Ihm war nicht einmal eine geregelte Schulbildung vergönnt gewesen und dieser Mangel konnte ihm weder sein späterer eiserner Fleiß noch die erlangte Universitätsbildung genügend ersetzen. Dies war. auch die Ursache, daß seine deutschen Predigten an einer gewissen Schwäche litten, wie gediegen auch der Inhalt sein mochte; denn Form und Vortrag sprachen den Hörer nicht immer au, weil sie. ihn jenen ästhetischen Genuß und den Reiz vermissen ließen, welchen geschulte Reden durch [ein gefälliges Organ und rhetorisches Beiwerk auch minder gehaltvollen Vorträgen zu verleihen wissen. In den dreißiger Jahren wurden verschiedene größere Rabbinate vakant, und war, da damals unter den Anforderungen, welche