Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 283)
- Language
- German
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258 leben!״ ״Liebe Frau“, antwortete Wetzlar gelassen, ״ich kenne Sie ja gar nicht*, die Regierung hat mich hierher gesetzt, und ich erhalte meine Besoldung aus der Gemeindekasse. Ich weiß nicht, ob und wieviel der einzelne dazu bezahlt, — es interessiert mich auch gar uicht. Kann die hiesige Gemeinde keinen Rabbiner besolden, so wird die Behörde mir ein anderes Rabbinat erteilen; so lange ich aber hier bin, werde ich meines Amtes warten und mich nicht nach den Separatbegehren jedes einzelnen richten!“ Diese bündige Antwort bewirkte soviel, daß er von nun an mit Vorwürfen dieser Art verschont blieb. Indessen war der Widerstand der alten Partei nicht überwunden, und die Anfeindungen derselben äußerten sich in Vorkommnissen mehr oder minder ernster Natur. So ward u. a. die Gemeinde-Synagoge zu klein und war baufällig geworden, der Gottesdienst entsprach insofern nicht der Würde des Hauses, als es jedem Mitgliede gestattet war, sowohl in der Woche als auch an Sabbat- und Festtagen vorzubeten, und man hier nicht allein die trivialsten Melodien zu hören bekam, sondern gar häufig auch eine bedenkliche Korruption des Textes mit hinnehmen mußte. Dawider ließ sich freilich nichts machen, denn dies war ein alt hergebrachtes, stillschweigendes Recht des einzelnen, und die Leute waren wohl damit zufrieden. Auch sonstige Ordnungswidrigkeiten in der Synagoge hatten nichts Auffälliges und Profanierendes für die Alten; aber um so nachteiliger mußten solche Mißstände auf die Jugend wirken, welche nun seit Jahren einen geregelten hebräischen Unterricht in der Schule erhalten hatte. Um diesen zweifachen Bedürfnissen abzuhelfen und nun die Jugend und durch sie auch die Gemeinde an ein äußerlich anständiges Verhalten im Gotteshause und an einen regelmäßigen Gottesdienst zu gewöhnen, fand es Rabbiner Wetzlar für angemessen, in dem geräumigen Schullokale eine eigene Synagoge einzurichten, — die übrigens auch von mehreren Gemeindegliedern besucht wurde — worin nach einem von ihm ausgearbeiteten Reglement einer seiner בחורים vorbetete. Selbstverständlich predigte er abwechselnd in beiden Synagogen. Die Kosten für Beleuchtung und Heizung wurden aus der Gemeindekasse bestritten, da das Bedürfnis einer zweiten Synagoge, wegen der mangelnden Geräumigkeit der alten, von dem Gemeinde-Vorstand ausdrücklich anerkannt worden war.