Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 277)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8728-3495108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ausgezeichneten jungen Mannes, des nachmals berühmten Arztes Dr. Stilling zu Kassel. Man kann sagen, die innige Freundschaft, die hier zwischen den beiden jungen Männern geschlossen wurde, dauerte bis an das Grab, und es war rührend zu beobachten, wie in allen Lagen des Lebens, in Freud und Leid, der wenig religiöse Arzt dem strenggläubigen Rabbi treu zur Seite stand und ihm, wo er ihm mit Rat und Tat dienen konnte, seine kostbare Zeit bereitwillig widmete. Nachdem Wetzlar sein Staatsexamen bestanden hatte, ging er noch einmal nach Hanau zurück, um unter den Augen seines greisen Lehrers die Funktionen praktisch zu üben, in deren Handhabung er für seine künftige Amtsführung die grössere Sicherheit and Routine zu erwerben wünschte. Als er dort eines Tages mit dem Greise wieder zusammen traf, der ihm vom Besuche der Universität abgeraten hatte, sagte er mit freundlichem Humor: Sehen Sie, nun habe ich studiert, und es hat mir doch nichts geschadet! ״Es mag wohl sein“ erwiderte der Alte unbefriedigt; ״es wäre aber dennoch besser gewesen, wenn Sie es unterlassen hätten.“ Und doch hatte das Studium seine Gläubigkeit noch eher befestigt, als ihn zweifelhaft gemacht. ״Die Geschichte der Philosophie“ pflegte er nachgehends oft zu sagen, ״zeigt uns, wie ihre Systeme ewig mit einander gewechselt haben; was das eine als apodiktische Wahrheit aufstellt, verwirft das andere als eine Unmöglichkeit. Diese Erscheinung liefert uns aber eben den Beweis, dass der menschliche Gedanke überhaupt dem Irrtum unterliegt. Wie die Philosophie die Geister beherrscht, so wird sie von ihnen auch wieder beherrscht. Jede Nation, ja jede Zeit hat eine andere dominierende Philosophie; wie können nun alle die richtigen sein? Die Wahrheit kann nur einmal existieren, die Abweichung von ihr unendlich mannigfach sein. Denkt doch ein und derselbe Mensch über eine Erkenntnis, zu der er gelangt ist, in seinem sechzigsten Jahre seiten noch ebenso, wie er in seinem dreissigsten Jahre darüber dachte! Wie haben nun erst die Anschauungen im Laufe der Jahrhunderte sich geändert, und wie werden sie in Jahrhunderten sich noch ändern! Es gab eine Zeit, in welcher die Philosophie des Spinoza verdammt, und wieder eine andere, in weicher sie als höchster Triumph des menschlichen Geistes verherrlicht wurde. Da aber Verstand und Reflexion zum Irrtum hin-