Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 153)
- Language
- German
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128 hältnismäßig kleine Zahl dieser Männer hätte die deutsche Judenheit schwerlich dauernd beeinflußt, wenn nicht die aus den Zeitverhält־ nissen resultierende Praxis den neuen Gedanken ein fruchtbarer Nährboden gewesen wäre. Theorie und Praxis kamen sich ent־ gegen. Selbst bei den wenigen geistig hervorragenden Männern der neuen wissenschaftlichen Reform läßt sich oft schwer bestimmeu, wie weit ihre theoretische Überzeugung Wurzel ihres Tuns war, und wie weit ihr Tun und noch mehr das Leben ihrer Anhänger und Gemeindemitglieder ihre Theorien immer radikaler werden ließen. Die Judenheit Deutschlands der dreißiger und vierziger Jahre bietet ein Bild der Gärung auf fast allen Gebieten des persönlichen und öffentlichen Lebens, ganz besonders in den größeren Städten, deren jüdische Gemeinden sich durch Zuwanderung vom Lande ständig vermehrten. Die feste Verankerung von Leben und Weltanschauuug in der jüdischen Überlieferung ist geschwächt, oft ganz gelöst. Tiefere talmudische Durchbildung ist selten geworden. Die Grundlage der Geistesbildung des Durchschnittsjuden ist die Schule. Auch wo es eine jüdische Schule gab, hatte sie sich stofflich und formal der christlichen Schule in weitem Maße angeglichen. Die soziale Oberschicht der Gemeinde bestand in wachsender Zahl ans Absolventen der höheren Schulen und unterschied sich in ihrer geistigen Struktur wenig von dem liberalisierenden deutschen Bürgertum, dem das Religiöse wenig bedeutete, wenn man es auch, schon mit Rücksicht auf die Regierungen, nicht bekämpfte. Es sollte möglichst wenig stören, ünd diese Tendenz wirkte verheerend auf die Lebensführung. Sabbatheiligung und Speisegesetze wurden als wirtschaftliche und gesellschaftliche Hemmungen em־ pfunden und immer mehr mißachtet. Innere Bindungen an das Religionsgesetz waren den Männern, die es kaum kannten, fremd. Das lediglich gewohnheitsmäßige Beobachten des Gesetzes wurde schwächer und schwächer. Mit dem Wegzuge aus den Dörfern und Kleinstädten der Heimat war die Rücksicht auf den einstigen religiös fühlenden Kreis ohnedies in Wegfall gekommen. — Rein zahlenmäßig waren wohl auch in den größeren Städten die Gesetzestreuen in der Mehrheit. Aber auch unter ihnen fehlte vielen die innere Überzeugung oder der Mut zum Widerstand und die geistige Fähigkeit, den besser gebildeten Gegnern entgegen zu treten. Noch