Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 152)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3486266-3486297--8603-3494983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
127 gehende Bekämpfung der Grundlehren der christlichen Kirche wurde bald abgelöst durch die viel ernstere Bewegung der Kritik der Quellen des Christentums. Nicht Mißachtung des Religiösen war die Wurzel, sondern gerade seine hohe Bewertung, aber nicht mehr im Sinne der Gläubigkeit. Nach den Grundsätzen der sprachwissenschaftlichen und geschichtlichen Forschung, unter starkem Einfluß der Hegelschen Philosophie begann die Tübinger Schule unter Ferd. Chr. Baur die Quellenschriften des Christentums zu behandeln. Für Tausende von Christen bildete das ״Leben Jesnu von David Fr. Strauss eine Erschütterung ihres religiösen Lebensbildes. Entsetzt blickten die meisten Führer des Christentums auf das Werk, das ihnen eine fürchterliche Profanisierung ihres Heiligsten war; begeistert scharten sich andere um Strauss. — Die neue Auffassung von Religion und Christentum beschränkte sich nicht auf den Kreis der wissenschaftlichen Theologie. Im Protestantismus beginnt (1841) die religiös liberale Bewegung der Lichtfreunde unter Führung der Pfarrer üblich in Magdeburg und Wislicenius in Halle, allerdings scharf bekämpft von den hohen Kirchenbehörden. In der katholischen Kirche entsteht unter dem Einfluß Ronges die deutsch-katholische Bewegung mit ähnlichen Tendenzen. — Daß junge jüdische Akademiker von dem Kritizismus in der christlichen Theologie beeinflußt wurden, ist leicht verständlich. Gerade weil die Zeit der religiösen Gleichgültigkeit vorüber war, mußten die Männer, die den festen Zusammenhang mit der jüdischen Tradition verloren hatten und doch nicht alle Bindungen mit dem Judentum lösen wollten, in den Strudel der Kritik hineingezogen werden. Erst wagte man die Sonde der Kritik an die Grundlagen der mündlichen Lehre anzulegen, und folgerichtig ging man weiter zur Bibel. Man schneidet nicht mehr willkürlich aus der Gotteslehre, was einem nicht mehr zeitgemäß erscheint, wie es einst D. Friedländer und Laz. Bendavid taten, aber man betrachtet sie grundsätzlich nicht mehr als heilig, und hält sich für berechtigt, wie an Profanliteratur an der Bibel Kritik zu üben und die Verpflichtung zum Religionsgesetz in Zweifel zu ziehen. Abraham Geiger wird Führer der Zersetzungskritik am Judentum. In seiner ״Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie“ schafft er ihr ein Organ (1835). Eine Reihe von Mitarbeitern schließt sich ihm an. Mehrere von ihnen sind, wie Geiger selbst, auch Prediger. Die ver-