Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 151)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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126 Der Berliner ״Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums (1819)״ kann kaum als Versuch einer geistigen Begründung des Reformjudentums gewertet werden. Trotz seines großen buntscheckigen Programms, Schulen, Seminarien, Akademien ins Leben zu rufen, Gewerbe, Künste, Ackerbau zu fördern, Juden zu feinem gesellschaftlichen Ton zu erziehen, war sein eigentliches Ziel ״die Judenheit auf denjenigen Standpunkt binzuführen, zu welchem die übrige europäische Welt gelangt ist.“ Man dachte weniger an das Judentum als an die Judenheit, die man ohne Taufe in ihrer Gesamtheit in die europäische Kultur einführen wollte. Der Führer des Kulturvereins, der Jurist Eduard Gans, war seiner Weltanschauung nach mehr Hegelianer als Jude. Bekanntlich hat der Kulturverein das Ziel, seine Mitglieder vor der Taufe zurückzuhalten, schlecht erreicht. Schon 1824 löste der Verein sich auf. Gans ließ sich taufen, um Universitätslehrer werden zu können. Bald folgte ihm Heinrich Heine mit dem ״Entreebillet zur europäischen Kultur״. — Unter den Treugebliebenen war der Wertvollste, Leopold Zunz. Die Persönlichkeit Zunz' und seine Veröffentlichungen in der kurzlebigen Zeitschrift des Vereins zeigt, daß auch andere Kräfte sich in diesem Kreise regten, deren Ziel über eine Europäisierung oder richtiger Säkularisierung der Judenheit hinausging. Es gab auch unter denen, die die innere feste Bindung an das Judentum zum größeren oder kleineren Teil verloren hatten, Männer, in denen Liebe zum Judentum sich zur hingebungsvollen Arbeit an seiner Geschichte auswirkte und sie vor völligem Abfall bewahrte. Es kommt eine neue Epoche im Geistesleben der deutschen Juden, eine Epoche größter innerer Spannungen, schwerster Kämpfe und größter Verluste für das Judentum Deutschlands, wie wir sie heute noch schmerzlich spüren. Das vierte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beginnt. Im deutschen Geistesleben bereitet sich ein bedeutungsvoller Um- Schwung vor. Durch die Romantik, besonders unter dem Einfluß Hegels, ist das religiöse Interesse der deutschen Geistigkeit mächtig erstarkt. Die oft frivolen Angriffe der jung-deutschen Literatur gegen die Dogmatik des Christentums sind ein Ausfluß der Abneigung dieses Kreises gegen die religiöse Bewegung, bedeuten aber keineswegs ihre Überwindung. Die mehr spöttelnde als tief-