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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1930-01-01 · XXI. (1930) · page 85

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXI. (1930)
Date
1930-01-01
Page
– (sequence 85)
Language
German
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79 eigen zu machen — ein Glaubenssatz, der uns, den glaubenstreuen Juden, sehr geläufig sein kann —, merkwürdig Vorkommen, dass das ganze biblische und nachbiblische Schrifttum sinaitiscben Urspruugs sein soll. Könnte man da nicht vielmehr geneigt sein, die Schriften der Propheten und späteren Schriftsteller für pure Plagiate zu halten, wenn man im Talmud den Satz bemerkt, dass sie bereits dem Moses am Sinai überliefert worden seien? Wer sich nicht zu einem solchen Glauben aufraffen kann, dem mag folgendes vielleicht einleuchtender erscheinen: Zunächst eine Bemerkung von R. Z. H. Cbajes in seinen Glossen zum Talmud: הקב״יה מסר למשה מדות הנדרשות והחכמים מוציאים מכללים אלו תולדות וענפים שונים ולומדים סתום מן המפורש וכל הפרטים המה מונחים בכלל. Aus dieser Bemerkung ist in Bezug auf manche Gruppen halaehischer Entscheidungssätze, von denen der Talmud bemerkt, sie seien Halacha le-Mosche mi-Sinai, obwohl man ihrem Charakter und Wesen nach ein jüngeres Datum ihrer Entstehung vermuten sollte, klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass dem Moses am Sinai nur die grundlegenden Prinzipien, also z. B. die sogen. Middoth, mit Hilfe derer durch exegetische Exkurse ein Beweis aus der heiligen Schrift gefunden wurde, überliefert worden waren, während gewisse Einzelheiten erst später entstanden. Auf diese Weise sind, um nur eines von vielen Dingen herauszugreifen, Meinungsverschiedenheiten entstanden betreffs der Masse. Wie Chajes in seinem Thorath Newijim, S. 18b, in einer längeren Abhandlung ausfübrt, hat Gott dem Moses Masse mitgeteilt, wie z. B. das Mass einer Olive, Dattel, Linse, eines Eis etc. und die Weisen haben auf Grund ihrer Erforschung des Schriftwortes festgestellt, ob bei dieser oder jener vorgeschriebenen Gesetzesbestimmung das Mass einer Olive oder einer Dattel als Norm zu nehmen sei.1) Damit verstehen wir auch, dass iu solchen oder ähnlichen Dingen Meinungsverschiedenheiten unter den Tannaiten und Talmudlehrern entstehen konnten. Dieser *) Es ist merkwürdig, dass Chajes trotz seiner enormen Belesenheit scheinbar das in hehr. Sprache geschriebene, im Jahre 1734 gedruckte Werkchen von R. Samuel Rafael Jehuda Lion, eines Amsterdamer Gelehrten, nicht gesehen hat. Denn dieser führt in einer kleinen, zwanzig Seiten umfassenden Schrift — Haiache le־Mosche mi-Sinai betitelt — denselben Gedanken wie Chajes aus, teilt uns alle Beweise für seine Theorie mit, und widerlegt alle scheinbaren Gegenbeweise aus anderen talmudischen Abhandlungen.

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