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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1929-01-01 · XXi (1929) · page 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XXi (1929)
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 74)
Language
German
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2' keit, uns in die Lage, in die Seele eines anderen zu versetzen, verschafft uns den untrüglichen Aufschluss. Auch hier vermag übrigens Übung nach und nach eine Virtuosität in der Eruierung der Stimmung zu begründen. Zur richtigen Psalmenlektüre gehört auch eine logische Schulung und künstlerische Begabung, die sich Rechenschaft zu geben in der Lage ist über das Gefäss, in das der Dichter seine Worte gelegt hat, ein klarer Blick, der Anlage und Disposition zu erkennen versteht. Wiewohl bei der lyrischen Poesie logische Klarheit nicht oberste Bedingung ist, so ist doch festzustellen, dass fast alle Psalmen, wenigstens alle die, die mit Problemen ringen, nach einer genau feststehenden, logisch einwandfreien Disposition ihre Gedanken äussern. Nicht etwa, dass sich von vornherein der lyrische Dichter ein genaues Gerippe zurecht gemacht hätte, dass er sich ein förmliches Fachwerk im vornherein bewusst gezimmert hätte. Nein. Aber fast immer verbindet sich mit der Gefühlstiefe unbewusst eine derartig völlige logische Klarheit, dass von selbst das lyrische Gedicht in einer einwandfreien logischen Entwickelung zustande kommt und uns vorliegt. Um zu einem richtigen Verständnis eines Psalms zu kommen, muss man die Situation zu erfassen suchen, in der der Psalm entstanden ist. Wir wollen an Beispielen das zu zeigen versuchen. Es ist selbstverständlich, dass wir nicht solche Psalmen wählen, bei deren Überschrift uns die äussere Veranlassung ihrer Entstehung genannt wird, etwa diejenigen, die mit* Davids Flucht und Verfolgung zusammen hängen. Nein. Wir wählen solche zur Illustration, bei denen wir die Veranlassung erraten müssen, bei denen wir sie selbst ausfindig zu machen haben. Unsere Ausführungen sollen darum wesentlich in praktischen Proben bestehen. Nehmen wir einmal den 27. Psalm, den wir im Monat Elul zu sprechen pflegen. Bei der ersten grösseren Hälfte kann man vermeinen, dass dieses Lied den Charakter eines Dankliedes habe, einen dankbaren Überblick über die Erfahrungen des eigenen Lebens darsteile. Beginnt doch der Psalm mit den Worten: »Der Ewige kt mein Licht und meine Hilfe; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Ewige ist die Feste meines Lebens. Vor wem sollte mir bangen? Wenn sich mir nahen Übeltäter, die meine Feinde und Bedränger

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