Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XIX. (1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3486266-3486303--7326-3493703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
51 den syro-chaldäischen, ohne Interpnnction geschriebenen Text des Talmuds so weit durchgearbeitet hat, um seine Lection aufsagen zu können, wird das Papier, womit der Gommentar belegt war, abgenommen und eine Vergleichung zwischen der Erklärung des Schülers und der von Easchi angestellt. ״Du bist ein Mensch, aber Easchi war auch nur ein Mensch. Wir wollen sehen, warum er deiner Meinung, mein Sohn, nicht ist, wer von euch beiden den Sinn besser getroffen hat.“ Man kann freilich leicht vermuten, dass Easchi recht behält, aber das Kind bekommt doch dadurch ein Gefühl seiner Selbständigkeit, eine Verachtung gegen jede, selbst die grösste Autorität und lernt jede Meinung verwerfen, die man ihm gegen seine bessere Überzeugung ungeprüft aufdringen will. Ist diese Lehrmethode der frühzeitigen Ausbildung der Denkkraft zuträglich und hilft sie um vieles das Selbstdenken befördern, so werden beide Zwecke durch die Sachen, die gelehrt werden, noch weit besser erreicht. Die Form, in die der Talmud gegossen ist, trägt freilich leider sehr viel zur Verkrüppelung des Verstandes bei. Nichts von gesundem, logischen Vortrage, nicht das Mindeste von richtigen Schlüssen, alles nach Witz und Ähnlichkeit, voller spitzfindiger Erörterungen, erzwungener Exegese und eigengemachter Syllogistik. Aber da die mosaische Gesetzgebung sieh über alles, über jede religiöse, politische und Civil-Angelegenheit erstreckt, so enthält der Talmud als ein in Disputationen abgefasster Commentar der Bibel Abhandlung über jede der gedachten Angelegenheiten und bietet dem Jüngling, der sich damit eine Zeit lang beschäftigt, einen ungemeinen Vorrat von Begriffen dar, er ist Theolog, Jurist, Tieranatom, Mathematiker, alles in allem geworden. Freilich, dass sich Gott erbarme über diese Theologie, diese Mathematik und diese Anatomie! Ja, selbst der Teil des Talmuds, der von dem Mein und Dein handelt, ob er gleich sehr vollständig und mit vieler Feinheit abgefasst ist, beruht doch auf falschen Gründen und zerfällt daher ebenfalls in sein Nichts. Aber für die Denkkraft des Menschen ist es gleichviel, ob sie durch Wahrheit oder Irrtum geübt wird. Dem Menschen, der zur Erhaltung seiner Gesundheit sich Bewegung machen muss, bleibt es einerlei, ob er in lachenden Fluren oder traurigen Einöden wandelt, der Zweck wird in beiden Fällen erreicht..,. Wenn man noch hierzu einige Privat- 4*