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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1928-01-01 · XIX. (1928) · page 86

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XIX. (1928)
Date
1928-01-01
Page
– (sequence 86)
Language
German
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50 Selten hält ein Lehrer mehr als neun bis zehn Schüler; bei der eingeführten Lehrart könnte er auch deren wohl schwerlich mehr bestreiten. Des Sonntags Vormittags werden nämlich allen Schülern zugleich einige Abschnitte aus dem Talmud erklärt und von dieser Zeit bis zu Ende der Woche eben diese Abschnitte mit jedem Schüler insbesondere und der Reihe nach so lange wiederholt, bis er sowohl die Bedeutung der einzelnen Wörter begriffen als den Sinn des Inhalts richtig gefasst hat. Dabei wird ihm zugleich Anleitung erteilt, wie er sich des Commentators Raschi,1 der neben den Text gedruckt ist, bedienen müsse, um sich bald selbst in der Erklärung des Textes helfen zu können. Alle Sonnabend wird von einem Sachverständigen über die in der Woche gemachten Fortschritte des Kindes eine Art von Examen angestellt, wobei der Examinator, der sichs zur Ehre anrechnet, wenn ihm ein Hausvater sein Kind zum Examinieren schickt, mit der strengsten Gewissenhaftigkeit verfährt und Belohnung und Strafe nach Verdienst austeilt: Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse zur Belohnung, Verweise und nicht selten Ohrfeigen und Rippenstösse zur Strafe. So lange das Kind sich den Text noch nicht selbst erklären kann, geben die übrigen Schüler, während der Lehrer mit einem von ihnen beschäftigt ist, blosse Zuhörer ab, d. h. sie sitzen müssig. Doch dauert dies nicht gar lange. Denn kaum merkt der Lehrer einige Fortschritte bei seinen Schülern, als er ihnen in der gedachten Zwischenzeit einige Stellen zum Selbsterklären vorlegt und ihnen dann, wenn sie ein paar Stunden darauf zugebracht haben, das Pensum abhört. Über jedes dem Kinde noch fremde Wort wird der Lehrer befragt, und die Hülfe eines Wörterbuches ist in jüdischen Schulen ganz unbekannt. Die Übung, von der gesprochen worden, ist von der äussersten Wichtigkeit. Das Kind gewöhnt sich frühzeitig an das Selbstlernen und wirft bald die fremde Krücke weg, an der seine Wissbegierde bis dahin forthinken musste. Vollends, wenn es so weit gediehen ist, dass ihm der Lehrer die Hülfe des erwähnten Commentars von Raschi versagt, indem er^diesen mit Papier belegt, gewährt dieses Geschäft ausser der Verstandesübung noch nebenbei einen andern Nutzen. Denn wenn der Schüler sich nun mit vieler Mühe durch Im Druck stets: Raschai,

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