Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVIII. (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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Wohl der Menschheit im Auge, das durch die Anpflanzung der reinsten Moral, der erhabensten Sittlichkeit begründet werden soll. Dieses Glück ist aber nicht denkbar ohne den Aufbau der Sittlichkeit auf dem Granit-Boden der Religion. Die erste und zweite Tafel gehören unbedingt und unlöslich zusammen. Darum auch Mosche beide Tafeln zerschmetterte, als Israel das goldene Kalb gefertigt und verehrt hatte, wiewohl die Versündigung Israels nur den Inhalt der ersten Tafel betrifft. Und umgekehrt ist der Psalmist unerschöpflich in der Ausmalung des Gedankens, dass ohne den religiösen Unterbau die Moral keine Aussicht hat, sich zu erhalten. Die Verletzung der ersten TaM hat die Verletzung der zweiten Tafel zur Folge. Ich erinnere an die Psalmen 14, 36 und besonders 94. Im Psalm 14 heisst es: ״Es spricht der Verächtliche, es gibt keinen Gott. Da vollführen sie scheussliche Taten, sie arten aus; keiner tut mehr Gutes, auch nicht einer.“ In ganz prächtiger und zutreffender Darstellung zeigt uns der 36. Psalm, wie dem Zusammenbruch der Moral die Zerstörung des Gottesglaubens voraufgeht: ״Es spricht die Bünde (die hier als Person eingefübrt wird) zum. Frevler in meinem Herzen, (das ist die Leidenschaft, die Neigung zu Sünde), es gäbe keine Gottesfurcht (und das ist natürlich gleichbedeutend damit, dass es keinen Gott gibt!). Das lässt er ihm glatt erscheinen in seinen Augen, damit er seine Schuld finde und ihn hasse (die Absicht des Verführers ist also eine schlimme). Die Worte seines Mundes sind Sünde und Unaufrichtigkeit, er hört auf, vernünftig zu erwägen und Gutes zu tun. Über die Sünde denkt er nach auf seiner Lagerstätte; er stellt sich auf einen Weg, der schon nicht mehr gut ist. Auch das Böse verachtet er nicht mehr.“ Hier sieht man ganz genau den fortschreitenden Zusammenbruch des ethischen Handelns, den die Leugnung Gottes verursacht hat. Im Psalm 94, dessen erster Teil hier wiedergegeben sein möge, heisst es: ״Ein Gott der Vergeltung ist der Ewige. Gott der Vergeltung, leuchte auf! Erhebe dich als Richter der Erde! Lasse Vergeltung widerfahren den Übermütigen! Wie lange noch sollen die Frevler, 0 Gott, wie lange noch sollen die Frevler jauchzen dürfen? Wie lange noch sollen sie hervorsprudeln lassen und Frechheit sprechen, wie lange noch sollen sieb überheben dürfen alle Übeltäter?